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Berner Bar-Betreiber wehrt sich: Ärger wegen Grossbaustelle an der Aarbergergasse

Berner Bar-Betreiber wehrt sichÄrger wegen Grossbaustelle an der Aarbergergasse

Die Baustelle für die neue Alnatura-Filiale in der Aarbergergasse zeigt es: Ist die Kommunikation eines Bauherrn minimal, kann dies zu grossem Unmut der Nachbarn führen.

Nico Cadisch, Geschäftsführer des Gastrobetriebs Kurt&Kurt, vor dem Baugerüst und dem Kran in der Aarbergergasse.

Nico Cadisch, Geschäftsführer des Gastrobetriebs Kurt&Kurt, vor dem Baugerüst und dem Kran in der Aarbergergasse.

Fotos: Raphael Moser

Der Grundsatz ist klar: Als Person in der Anwohnerschaft muss man eine Baustelle in der Nähe ertragen. Doch wie viel Lärm, Schmutz und Staub muss man über sich ergehen lassen und wer bezahlt bei einem allfälligen Schaden? Solche Fragen stellen sich in diesen Wochen in der Aarbergergasse in Bern. 

Die Betreiber der Whisky- und Cocktailbar Kurt&Kurt haben im Jahr 2017 ihre Türen geöffnet. Zwar kennt das Lokal, wer regelmässig durch die Aarbergergasse läuft, doch derzeit versteckt es sich im Schatten der Grossbaustelle eine Hausnummer nebenan. Wo früher das Kino City und das Ausgehlokal Propeller waren, soll künftig eine Alnatura-Filiale der Migros Aare einziehen. Das Gebäude ist umhüllt von einem hohen Baugerüst.

«Es war ja bekannt, dass gebaut wird», sagt Nico Cadisch, einer der Mitinhaber und Geschäftsführer des Lokals, «doch über die genauen Einschränkungen wurden wir nicht informiert.» So erfuhr der Barbetreiber erst bei Baubeginn davon, dass im Sternengässchen durch die Staubschutzwände vier Aussenplätze entfallen würden.

Baugerüst versperrte Notausgang

Als das Gerüst erst einmal stand, stellte sich heraus, dass dieses den Notausgang der Bar versperrte. «Daraufhin wies ich die Bauherrin auf den Mangel hin», sagt Nico Cadisch. Für den Bau zeichnet die Gebäudeversicherung Bern (GVB) verantwortlich. Tom Glanzmann, Leiter Kommunikation bei der GVB, bestätigt per Mail, dass der Öffnungswinkel einer Tür durch den Gerüstrahmen eingeschränkt worden sei. Gleichzeitig betont er, dass die Situation noch am Tag der Beanstandung besichtigt und die Anpassungen in den Tagen danach umgesetzt worden seien.

Den Vorwurf, die Nachbarschaft zu wenig über den Fortschritt der Bauarbeiten zu informieren, weist er zurück. «Wir können das Informationsbedürfnis nachvollziehen und sind der Meinung, diesem nachgekommen zu sein.» So seien Eigentümerschaften, Verwaltungen und Anwohnende in der Nachbarschaft schriftlich informiert worden. «Angrenzende Nachbarliegenschaften wurden zusätzlich laufend über den Bauverlauf informiert», schreibt Glanzmann.

Ungemütliche Sitzplätze: Durch das Baugerüst hat das Lokal Kurt&Kurt ungefähr ein Drittel seiner Aussenbestuhlung verloren.

Ungemütliche Sitzplätze: Durch das Baugerüst hat das Lokal Kurt&Kurt ungefähr ein Drittel seiner Aussenbestuhlung verloren.

Doch der grosse Ärger sollte für die Barbesitzer erst noch kommen: «Unmittelbar nachdem die Situation mit dem Notausgang behoben worden war, teilte man uns mündlich mit, dass wir in zwei Wochen noch acht weitere Aussenplätze verlieren würden.» Dies trifft die Bar besonders schmerzhaft, da die Aufhebung der Aussenbestuhlung mitten in die Sommermonate fällt. Seit dem 1. Juni muss das Kurt&Kurt nun auf ungefähr ein Drittel der Terrassenplätze in der Aarbergergasse und dem Sternengässchen verzichten. Nico Cadisch schätzt, dass die Umsatzeinbusse durch die verlorene Aussenbestuhlung ungefähr 30’000 Franken betragen dürfte.

In die Umsatzeinbussen nicht eingerechnet ist das Mittagsgeschäft des Pop-up-Betreibers Bandito Burrito, der derzeit im Kurt&Kurt eingemietet ist. Mehrmals sei es schon vorgekommen, dass ein Windstoss eine Staubwolke von der Baustelle ausgelöst habe. «In so einem Fall kann man natürlich nichts für die verunreinigten Speisen verlangen», sagt Cadisch.

Rechtlich wenig in der Hand

Bleibt einem Betreiber eines Gastrolokals nichts anderes übrig, als sämtliche Kosten und Umstände zu erdulden, die von der Bautätigkeit in der Nachbarschaft ausgelöst werden? Laut den Rechtsexpertinnen und Rechtsexperten des Branchenverbands Gastro Suisse stehen einem Barbetreiber durchaus rechtliche Mittel zur Verfügung. Auf Anfrage schreibt der Verband: «Der Mieter kann vom Vermieter eine Mietzinsreduktion verlangen, wenn er das Mietobjekt nicht mit den vertraglich zugesicherten Eigenschaften nutzen kann.»

Das Gerüst der Grossbaustelle in der Aarbergergasse soll Ende Oktober 2023 abgebaut werden.

Das Gerüst der Grossbaustelle in der Aarbergergasse soll Ende Oktober 2023 abgebaut werden.

Die Situation ist jedoch in mehrerlei Hinsicht kompliziert, weil die Mietzinsreduktion des Ladenlokals über die Immobilienverwaltung läuft, während die Bar den Aussenbereich von der Stadt mietet und öffentliches Recht zur Anwendung kommt. Der Betreiber der Bar findet es unfair, dass er für den von der Baustelle verursachten Umsatzausfall aufkommen muss.

Da die Miete für den Aussenbereich verhältnismässig günstig ist, kann er von der Stadt lediglich eine Mietzinsreduktion erwarten. Diese wird erst im nächsten Jahr gewährt, da die exakte Dauer der Baustelle von diversen Unbekannten abhängig ist. In jedem Fall wird die Entschädigung nur einen Bruchteil des entgangenen Umsatzes ausmachen.

Übermässig und unvermeidlich?

Laut dem Branchenverband Gastro Suisse müssen Bauarbeiten im Prinzip entschädigungslos geduldet werden. Doch es gibt eine Ausnahme, wie Gastro Suisse in Bezug auf das Zivilgesetzbuch Artikel 679a schreibt: «Damit ein nachbarrechtlicher Schadenersatzanspruch bei rechtmässiger Nutzung bejaht würde, müssen beim Nachbarn vorübergehend übermässige und unvermeidliche Nachteile entstehen, die einen Schaden verursachen.»

Ob im aktuellen Fall Schadenersatz eingefordert werden könnte, darüber müsste das Gericht entscheiden. Die GVB schreibt, sie sei stets bemüht gewesen, die Immissionen so gering wie möglich zu halten, und betont gleichzeitig: «Eine umfassende Erneuerung einer Altstadtliegenschaft ist aufgrund der beschränkten Bauplatzverhältnisse eine logistische und bauliche Herausforderung.»

Im engen Sternengässchen wurde eine Staubschutzwand installiert.

Im engen Sternengässchen wurde eine Staubschutzwand installiert.

Während die Betreiber der Bar anfangs noch hofften, eine unkomplizierte, bilaterale Lösung mit der GVB zu erzielen, ist die Stimmung mittlerweile gekippt. «Niemand fühlt sich zuständig, und die Bauherrin wünscht sich, dass die Kommunikation nur noch über die Verwaltung läuft», sagt Nico Cadisch.

Ob die Kurt&Kurt-Betreiber nun rechtliche Schritte einleiten werden, wollten sie weder bestätigen noch dementieren. Die Bauherrin GVB schreibt ihrerseits: «Es ist uns wichtig, für alle Beteiligten möglichst gute Lösungen zu erzielen. Es besteht jedoch kein Rechtsverhältnis zwischen dem Betreiber und der Bauherrschaft.»

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