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Berlin auf Freiheitsentzug: Wie eine Stadt ihre Identität verliert

Leergefegte Strassen, geschlossene Läden und gespenstische Ruhe: die deutsche Hauptstadt ist nur noch ein Schatten ihrer selbst. Ein Stadtspaziergang.

Das Brandenburger Tor in Berlin, wo sonst zu dieser Jahreszeit Hunderte von Passanten unterwegs sind, ist in Zeiten von Corona kaum besucht.

Das Brandenburger Tor in Berlin, wo sonst zu dieser Jahreszeit Hunderte von Passanten unterwegs sind, ist in Zeiten von Corona kaum besucht.

Carsten Thesing / Imago

«Willst du Gras», raunt mir ein schmächtiger junger Mann zu. Die Frühlingssonne strahlt an diesem Nachmittag, ich habe den Görlitzer Park eben erst betreten. Wenn man in Berlin Drogen kaufen möchte, ist man hier goldrichtig. Daran hat auch das Coronavirus nichts geändert. Mein Möchtegern-Dealer ist allerdings in einiger Entfernung stehen geblieben. Absicht oder nicht, er hält sich an den vom Berliner Senat verordneten Sicherheitsabstand.

Seit Anfang Woche müssen sich auch die Berliner grundsätzlich ständig in ihrer Wohnung aufhalten. Es ist noch erlaubt, draussen Sport zu betreiben oder zum Spazieren in den Park zu gehen, soweit man sich an die Abstandsregelungen hält und alleine unterwegs ist – oder mit einer Person, die im selben Haushalt lebt. Ausserdem muss man sich ausweisen können, wenn die Polizei es verlangt. Gruppenbildung ist untersagt, bei Missachtung der Regeln drohen Geldbussen von bis zu 25 000 Euro. Diese Berliner Regelung ist strenger als die in Stockholm, wo Menschen noch dicht nebeneinander in Cafés sitzen dürfen, aber nicht so streng wie die in Rom oder Madrid, wo eine komplette Ausgangssperre gilt. 

Berlin kann brav sein, wenn es muss

Seit Tagen hat Berlin keine Wolke mehr gesehen, die Anzeige auf dem Thermometer kratzt an der 20-Grad-Marke. Das Wetter lockt die Menschen trotz allgemeiner Verunsicherung nach draussen, auch im Stadtteil Kreuzberg. Nachdem ich das Drogenangebot abgelehnt habe, spaziere ich weiter in den «Görli» hinein. Man kann den knapp einen Kilometer langen Park mühelos überblicken, da nur wenige Bäume die Sicht versperren. Hier tummeln sich Jogger, Fahrradfahrer und einige Gestalten, die die Parkbänke weniger zum erlaubten Ausruhen, als vielmehr zum Biertrinken nutzen. Grüppchen bilden sich allerdings keine. Auf der Wiese und auf Betontreppen sitzen zwar Menschen, die reden, essen und lachen – aber immer nur zu zweit. Doch eigentlich ist auch das gar nicht mehr erlaubt, wie Polizeipräsidentin Barbara Slowik Ende Woche präzisierte: Sowohl das Sonnenbaden als auch das längere Sitzen an einer Stelle sei verboten. Was das genau bedeutet, wird sich noch im Dialog mit den Beamten herauskristallisieren müssen. Darf man kurz Luft schnappen? Darf man einen Artikel in einer Zeitung lesen oder ein ganzes Kapitel in einem Roman?

Die Gesprächsfetzen, die man im Park hört, drehen sich nur um ein Thema: Corona. «Wir wohnen doch im selben Haushalt, wir dürfen das», witzelt ein Mann, der auf einem Lastenrad sitzt und seiner Freundin einen flüchtigen Kuss auf die Wange gibt. Nach einigen hundert Metern bemerke ich zum ersten Mal an diesem Tag Polizisten. Zu fünft laufen die Beamten den asphaltierten Weg entlang. Sie beobachten aufmerksam, deuten auf manche Personen im Park, müssen aber nirgends eingreifen. Noch nicht? Dieser Spaziergang fand an einem Werktag statt. Am darauf folgenden Wochenende sah es an manchen zentralen Plätzen und Parks in Berlin schon wieder anders aus. An einigen Orten musste die Polizei Gruppen auffordern, sich aufzulösen. Mein Eindruck der Situation, werktags betrachtet, bleibt aber bestehen: Die Verbote scheinen bei den Menschen angekommen zu sein.

Rund einen Kilometer westlich vom Görlitzer Park ist das Kottbusser Tor. Der «Kotti» schläft nie, normalerweise. Tagsüber flanieren hier Touristen und Einheimische, nachts prägen Partygänger und Dealer das Bild. Der Kreisel rund um den gleichnamigen U-Bahnhof ist ein Symbol für das raue Berlin. Heute unterscheidet diesen Ort nichts von anderen grossen Berliner Kreuzungen. Einige wenige Menschen kaufen an einem Obst- und Gemüsestand ein. Aber niemand verweilt. Es gäbe auch gar keinen Platz, der dazu einladen würde –  Kaffee gibt es, wenn überhaupt, nur mehr zum Mitnehmen.

Die City schläft

So sieht es an diesem Nachmittag in der gesamten Stadt aus. Orte, an denen sich Einheimische und Touristen normalerweise dicht an dicht drängen, sind nahezu verwaist. Auf dem Weg zum Brandenburger Tor sitzt in der unterirdischen S-Bahnstation ein einziger alter Mann. Er ist unauffällig gekleidet, um die 50 Jahre alt. Über seinen kahlen Kopf spannt sich eine Schutzmaske, er atmet schwer. Die wohl meistfotografierte Kulisse Berlins, der Pariser Platz, ist leergefegt. Wo sonst Reisegruppen oder Demonstranten die Szenerie vor der französischen und der amerikanischen Botschaft beherrschen, bin ich fast alleine. Am Eingang des Hotel Adlon halte ich vergeblich nach einem Portier Ausschau. Es ist auch keine Limousine in Sicht, die jetzt in Empfang genommen werden müsste. Nur vereinzelt schiessen Touristen Selfies. Seht her, sollen ihre Bilder wohl sagen: Ich bin hier ganz alleine.

Als Berlin geteilt war, galt der Kurfürstendamm mit seinen Luxusläden als Schaufenster des Westens. Hier wurde und wird Konsum zelebriert. Dass der regierende Bürgermeister vergangene Woche mit seiner Ladenschlussanordnung den ewigen Sonntag in Kraft setzte, bekommt diesem Prachtboulevard gar nicht. Eine alte Dame, die dessen Blütezeitzeiten miterlebt haben dürfte, drängt sich mit Hilfe ihres Gehstockes vor mir in eine Bäckerei und empört sich: Ich hätte den Sicherheitsabstand nicht eingehalten. Sie hat Recht, also bitte ich um Entschuldigung. Schliesslich ist vor der Tür ein Schild angebracht: «Bitte nur einzeln eintreten». Solche Schilder sieht man inzwischen überall in Berlin, egal ob Bäckerei, Postfiliale oder Späti. So ähnlich waren Kotti und Ku’damm sich nie.

Bedrückende Ruhe

Die Geister-S-Bahn, die mich nach Hause bringt, fährt am Alexanderplatz vorbei. Auch dort herrscht gähnende Leere. Es wundert mich nicht, dass ich ausser im Görlitzer Park keine Polizisten gesehen habe. Fast alle Berliner, so scheint es, sind daheim. Selbst in den öffentlichen Verkehrsmitteln halten die Menschen die Abstandsregeln ein, ganz ohne Polizeipräsenz. Stets bleibt mindestens ein Sitzplatz frei, es herrscht stillschweigendes Einvernehmen. Die Menschen in den Bussen und Bahnen wirken eigentümlich müde und in sich gekehrt. Wie Berlin. Es fühlt sich so an, als würde diese sonst so rastlose Stadt all den Schlaf, den sie nie bekommen hat, auf einmal nachholen.

In Berlin Mitte, an der Grenze zum Prenzlauer Berg, fällt auf, dass sich Geräusche aufdrängen, die sonst vom Alltagslärm verschluckt werden. Auf einmal hört man das Zwitschern der Vögel so laut wie die Musik, die sonst aus Boxen klingt. Diese Naturgeräusche klingen unnatürlich in der Stadt, die legendär ist für ihre Schlaflosigkeit. So kann die Freude darüber, dass sich die meisten Berliner an notwendige Freiheitsbeschränkungen halten, das flaue Gefühl, das im Magen bleibt, nicht überdecken. Corona hat Berlin seiner Freiheit beraubt. 

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