Switzerland

Behörden und Experten rätseln: Wo ist das Virus hin?

Spätestens Ende Februar war der Erreger im Land. Dann ging es ­rasend schnell. Mit grosser Wucht setzte sich das Corona­virus in der Bevölkerung fest. Am 23. März dann der Höhepunkt: 1509 Neuansteckungen an einem einzigen Tag.

Die Angst war gross, doch der Lockdown wirkte. Am 15. April gab es 316 neue Fälle, am 1. Mai nur noch 110. Gestern Samstag stand der Zähler bei 17 Neuinfektionen. Und die Angst? Sie scheint verflogen.

Doch wo ist das Virus hin? «Es rauscht nicht am Boden herum», sagt Immunologe Beda Stadler (69), «es steckt in den Menschen.» Bloss in wie vielen? Die offiziellen Fallzahlen sind zwar bekannt, aber die Dunkelziffer ist hoch. «Sie beträgt vermutlich das Fünf- bis Zehnfache der registrierten An­steckungen», meint Christian Münz (50), Immunologie-Professor an der Uni ­Zürich. Geht man von einer Heilungszeit von 14 Tagen und einer zehnfachen Dunkelziffer aus, tragen an diesem Pfingstsonntag 2700 Menschen in der Schweiz das Virus in sich.

Jüngere Menschen sind «Treiber»

Nur: Wo sind sie? Welchen Berufsgruppen gehören sie an? Und wie ist ihr Alter? «Das weiss niemand so genau», sagt Andreas Cerny (64), Virologe am Corona-Referenzspital Moncucco in Lugano TI. Beda Stadler: «Darüber können wir keine Aussagen treffen.» Marcel Tanner (67), Epidemiologe am Schwei­zerischen Tropen- und Public-Health-Institut Basel: «Infektionstreiber sind vor allem jüngere Menschen, die prä- oder asymptomatisch und viel unterwegs sind.»

Tanner gehört zur Covid-Taskforce, die den Bundesrat berät. Er ist überzeugt, dass sich eine zweite flächendeckende Welle verhindern lasse. «Wir können jetzt mit Testen und Kontaktver­folgen einzelne Infek­tionsherde schnell identifizieren. Wenn es auch nur irgendwo raucht, also Übertragungsnester auftreten, rücken wir wie die Feuerwehr aus und können situationsgerecht Massnahmen ergreifen.»

Neue Strategie lässt Fragen offen

«Surveillance and Response» heisst diese Strategie des Bundes: Überwachung und Einschreiten. Doch so zupackend die Strategie auch klingt, sie lässt Fragen offen: Wo soll es rauchen, wenn viele Infizierte von nichts wissen? Und wo soll die Feuerwehr hin, wenn Betroffene sich trotz Symptomen nicht melden? Zwar haben sämtliche Kantone das Contact Tracing wieder hochgefahren. Doch wo sich die Menschen anstecken, weiss niemand. «Das Contact Trac­ing ist sehr fragil», sagt Viro­loge Andreas Cerny. Bei einer plötzlichen Zunahme der Fälle komme es rasch zur Über­forderung. «Das hat man im März gesehen, als es schon nach wenigen Tagen nicht mehr funktionierte.»

Cerny sieht die Strategie des Bundes daher kritisch. «Der Vergleich mit der zackigen Feuerwehr ist ein frommer Wunsch.» Es dauere länger als die zwei Wochen zwischen den Lockerungsschritten, bevor sich Trends eindeutig erkennen lassen. «Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass das Virus ruhiger oder weniger aggressiv geworden ist. In den nächsten Tagen und Wochen ist deshalb ein Anstieg zu befürchten.»

Folgen der Lockerungen erst später

Auch Immunologe Münz warnt vor schnellen Schlüssen. Ihn irritiert das Tempo der Behörden: «Anfangs wollte man zwischen den einzelnen Lockerungsschritten einen Monat warten. Jetzt galoppieren wir davon.» Das ­Resultat der Lockerungen sehe man erst in einem Monat. «Der Bundesrat hat sich auf ein Spiel mit dem Ungewissen eingelassen.»

Eine Person aus dem Umfeld der ­Landesregierung erklärt SonntagsBlick das überraschend hohe Tempo: Bei so wenigen Ansteckungen habe man keine andere Wahl gehabt. Im Übrigen seien nun eben die einzelnen Branchen ge­fordert, für den Schutz der Menschen zu sorgen. «Die Wirtschaft hat stark auf die Lockerungen gedrängt. Jetzt muss sie auch liefern.» Dass es zu einer zweiten Welle kommt, will der Insider keineswegs ausschliessen. Der Bundesrat werde eben «situativ entscheiden», wie es weitergeht.

Durchseuchung dauert drei Jahre

Beda Stadler äussert sich ebenfalls kritisch zu dieser Strategie: «Der Bundesrat will schauen und reagieren. Das ist doch keine Strategie!» Die Regierung sei nicht ehrlich. «Wenn das einzige Ziel darin besteht, die Kurve flach zu halten, muss man den Leuten auch sagen, dass es drei Jahre bis zu einer Durchseuchung der Bevölkerung dauert.»

Kein gutes Haar lässt der Immunologe an der neuen Tracing-App, die derzeit in der Testphase steckt. Dass beim Kontakt mit ­einem Infizierten weder der Ort noch der genaue Zeitpunkt registriert würden, mache das Unterfangen sinnlos. «So kann man keine Nester ausmachen. Man verbreitet höchstens Panik.»

«Es ist nicht vorbei»

Zurzeit ist von Panik aber nichts zu spüren. Nun spreche man nicht mehr vom Lockdown, sondern von Lockerungen, erklärte Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga (60) am Mittwoch. Und Alain Berset (48) ergänzte: «Die Bevölkerung nimmt das Risiko weniger wahr. Das ist auch klar, wenn man nur so wenige Ansteckungen hat.» Immunologe Münz spricht von einem «Präventionsparadox»: Wenn die Ausbreitung eingedämmt werde, sehe man weniger von der Pandemie. «Das ist ein zweischneidiges Schwert. Die Leute dürfen nicht das Gefühl bekommen, die Sache sei vorbei. Das ist sie nämlich nicht.»

So zeigen es nicht nur die markant steigenden Fallzahlen in Russland, Indien, Brasilien und Mexiko. Inzwischen häufen sich auch Berichte aus dem Nordosten Chinas, die auf den Ausbruch einer zweiten Welle hindeuten.

Und die Schweiz? «Eine zweite Welle müssen wir wohl nicht befürchten», glaubt Münz. «Aber die Gefährdung ist hoch, wenn wir nachlässig werden.» Andreas Cerny sieht die grösste Gefahr bei Grossveranstaltungen. Besonders risikoreich seien auch Bars und Restaurants, grössere Feste, Sportanlässe in geschlossenen Räumen, volle Busse, Züge und Flugzeuge. Cerny: «Alle diese Situa­tionen haben das Potenzial, neue Cluster-Infektionen auszulösen.»

«Sportlich aber machbar»

Und die Spitäler – sind sie auf einen neuerlichen Anstieg der Fallzahlen vorbereitet? «Wir haben vom Kanton die Vorgabe, im Ernstfall innert 72 Stunden wieder in den Covid-Modus umzustellen», sagt Rolf Gilgen (61), CEO des Spitals Bülach ZH und Präsident der Vereinigung der Spitaldirektoren. «Das ist sportlich, aber machbar.» Auch Gilgen hat Respekt vor dem ­Virus. «Wenn sich bei uns eine einzige Pflegerin ansteckt und dabei keine Maske trägt, müsste die ganze Sta­tion in die Quarantäne.»

Wenn der deutsche ­Virologe Christian Drosten (48) vom «Tanz mit dem Tiger» spricht, sei das ein treffendes Bild, findet SP-Nationalrat und Arzt Angelo Barrile (43). «Solange wir weder Medikamente noch Impfung haben, wird dieser riskante Tanz weitergehen.» Wir müssten uns die Freiheit langsam zurückkaufen, so Barrile – mit dem geringstmöglichen Risiko als Preis. «Wir müssen keine Angst haben, aber Respekt.»

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