Switzerland

Bankpräsident Weber gelingt mit dem neuen UBS-Chef ein Coup

Sergio Ermotti ist mit sich im Reinen. Bei der Vorstellung seines Nachfolgers Ralph Hamers, der von der niederländischen Grossbank ING kommt, hält sich Bankpräsident Axel Weber des Öfteren an den schriftlich vorbereiteten Notizen fest, ebenso wie Hamers. Ermotti dagegen spricht frei und tiefenentspannt. Zu ­seinen Zukunftsplänen sagt Ermotti nur, dass er bald 60 werde und dann eine neue beruf­liche Phase eröffnen möchte. «Aber das ist nicht der Tag, um darüber zu sprechen.»

War da was? Der mächtigste Schweizer Banker, der die UBS seit fast neun Jahren führt und damit einer der am längsten amtierenden Bankchefs der Welt ist, scheint mühelos von den ­Hebeln der Macht zu lassen. Bank-Insider haben dafür eine einfache Erklärung: Ermotti ist noch nicht fertig. «Er verhält sich kooperativ und will sich so die Option offenhalten, 2022 Axel Weber als Verwaltungsratspräsident nachzufolgen», heisst es aus der Teppichetage der Bank.

Weber hält Ermotti im Spiel

Weber selbst hält Ermotti diese Möglichkeit offen: «Ich bin der Meinung, dass ein CEO grundsätzlich ein Kandidat für die Nachfolge des Verwaltungsratspräsidenten sein kann», sagt der UBS-Präsident dieser Zeitung. «Es gibt aber keinen Automatismus.» Ab 2021 beginne der Suchprozess für seine Nachfolge. Praktisch: An der Generalversammlung 2022 hat Ermotti die zweijährige Abkühlphase mehr oder weniger hinter sich, die heute zum guten Ton der Unternehmensführung gilt.

Weber und Ermotti gelten ­beide als machtbewusste Alphatiere. Daher hat es in der Zusammenarbeit auch mal gekracht. Aber am Ende hat Weber ­Ermotti den Zeitplan für die Nachfolge aufzwingen können: Ermotti räumt seinen Posten zuerst, Weber ist dann in zwei Jahren an der Reihe und arbeitet bis dahin den neuen Bankchef ein. Das muss er auch, denn der hat bisher mit seiner ING vor allem Sparprodukte und Hypotheken verkauft. Nun muss er im Expresstempo in die Welt der Superreichen eingeführt werden, denn das ist das Kerngeschäft der UBS.

«Wir haben genug Swissness in der Geschäftsleitung»: Sergio Ermotti, CEO UBS. Foto: Urs Jaudas

Mit der Berufung des Niederländers Hamers ist Weber ohne Zweifel ein Coup gelungen. Die gesamte Geschäftsleitung war nach Angaben von Insidern total überrumpelt. «Da wurde heute morgen erst einmal gegoogelt, wer der neue Mann überhaupt ist», so eine Quelle. Dabei wäre fast alles schiefgegangen. Die ING, Hamers’ alter Arbeitgeber, wollte dieser Tage eine Anleihe aufnehmen. Die musste sie aber wegen der Börsenvorschriften stoppen, als klar wurde, dass Hamers zur UBS geht. Damit stieg die Gefahr von Indiskretionen. Darum wurde die Bekanntgabe auf Donnerstagfrüh vorverschoben. Doch dann gab es kurz nach 22 Uhr am Mittwoch doch noch ein Leck, und so musste kurz vor Mitternacht die Mitteilung von Ermottis Rücktritt ins Netz.

Doch daran wird sich bald kaum jemand mehr erinnern. Allerdings bleiben die personellen Unsicherheiten gross. Ein grosser Verlierer der Personalie ist ­Iqbal Khan. Er hatte letzten Sommer von Julius Bär ein Angebot, CEO zu werden, wurde dann aber von der Credit Suisse zur UBS weggelotst und zum Co-Leiter der Vermögensverwaltung gemacht. Automatisch galt er als der Top-Anwärter auf die Nachfolge Ermottis.

Wichtige Digitalkompetenz

Doch das Beschattungsdrama, das am Ende CS-Chef Tidjane Thiam den Job kostete, hat auch Khan beschädigt. Hat die Affäre Khans Chancen gemindert? Darauf antwortet Axel Weber nicht direkt, aber dennoch vielsagend: «Wir haben interne und externe Kandidaten evaluiert. Am Schluss hat jeder Soll und Haben auf dem Konto, und unter dem Strich hat Ralph Hamers die meisten Habenpunkte.» Dem Vernehmen nach tröstet sich Khan nun damit, dass die Zeit für ihn spielt: Mit seinen 43 Jahren hat er noch einige Jahre vor sich, um sich für höhere Aufgaben zu qualifizieren.

Mit Blick auf seine Neuanwerbung stellt Bankpräsident Weber vor allem die Digitalkompetenz des 53-jährigen Hamers in den Vordergrund. Er habe ING nicht nur zu einer führenden Digitalbank Europas geformt, sondern auch die gesamten operativen Abläufe umgebaut. Starre Hierarchien brach Hamers auf, stattdessen arbeitet die grösste Bank der Niederlande mit spartenübergreifenden Teams, nach dem Vorbild der US-Techriesen wie Amazon oder Apple.

Für die UBS wäre solch eine Struktur eine Kulturrevolution, die aber neue Dynamik ent­fachen könnte. Selbst hochrangige Bankmanager klagen zuweilen über den «Permafrost» in der Bank, da in zahllosen ­Komitees und Meetings Ideen zerredet würden.

Zu seinen Plänen bei der UBS hielt sich Hamers bei seiner Vorstellung zurück. Digitalisierung sei kein Selbstzweck, es gehe darum, den Kunden besseren Service zu bieten, erklärte er. Der Einsatz von künstlicher Intelligenz sei ein Ansatzpunkt, den Hamers aber nicht weiter ausführte.

Drei Viertel sind im Ausland beschäftigt

Die Börse nahm die Berufung des Niederländers mit Wohlwollen auf, wohl auch in der Hoffnung, dass er das hartnäckige Kostenproblem der UBS endlich in den Griff bekommen möge. Internationalen Investoren ist das wichtiger als der Fakt, dass mit Ermottis Abgang nun beide Topjobs bei der grössten Schweizer Bank in den Händen von Ausländern sind: Der Präsident ist ein Deutscher, der CEO ein Niederländer.

Für Ermotti ist das kein Problem: «Wir haben genug Swissness in der Geschäftsleitung», betont er. Zudem habe die UBS zwar Schweizer Wurzeln, aber drei Viertel der rund 80'000 Mitarbeitenden seien im Ausland beschäftigt. Bankkenner nennen einen weiteren Fakt: Im nächsten Jahr kann Axel Weber die Schweizer Staatsbürgerschaft beantragen, was er auch vorhat.

Kritik gibt es, weil der neue Chef bisher kaum Berührungspunkte mit dem Kerngeschäft der UBS hatte, der Vermögensverwaltung. Diese Kritik wischte Weber mit dem Hinweis vom Tisch, Hamers müsse als neuer Chef die Umsetzung der Strategie vorantreiben, die Details könne er der Geschäftsleitung überlassen. Diese muss das Kunststück vollbringen, den Vorsteuergewinn in diesem Jahr um 10 Prozent zu steigern.

Sollte das gelingen und Khan so an Statur gewinnen, wird es dann interessant zu sehen sein, wie der ehrgeizige Bankmanager mit seinem neuen, niederländischen Chef klarkommen wird. Aber das ist dann nicht mehr ­Ermottis Problem. Er kann den Hahnenkampf von aussen verfolgen. Tiefenentspannt.