Switzerland

BAG muss Zahl der Infizierten nach unten korrigieren, Armee bietet Unterstützung an, Swiss reduziert Flüge nach Italien  – die neusten Entwicklungen zur Coronavirus-Situation in der Schweiz

In der Schweiz wurden acht Personen positiv auf das Coronavirus getestet. Über 100 Personen sind zurzeit in Quarantäne.

NZZ-Redaktion

Ein Krankenpfleger des Mendrisiotto Ambulance Service mit Maske und Schutzanzug bereitet sich auf die Untersuchung von Patienten vor, die mit dem Coronavirus infiziert sind.

Ein Krankenpfleger des Mendrisiotto Ambulance Service mit Maske und Schutzanzug bereitet sich auf die Untersuchung von Patienten vor, die mit dem Coronavirus infiziert sind.

Elia Bianchi / EPA

Das Wichtigste in Kürze:

Die neusten Entwicklungen:

  • Von den bisher 13 gemeldeten Corona-Fällen in der Schweiz sind acht vom Referenzlabor in Genf bestätigt worden. Dies schreibt das Bundesamt für Gesundheit auf seiner Website am Freitagabend (28. 2.). Bestätigt sind demnach bisher die beiden Fälle in Graubünden sowie je einer aus den Kantonen Tessin, Genf, Aargau, Zürich, Basel-Stadt und Waadt. Alle Personen haben sich im Ausland angesteckt. Sie sind isoliert und in einem guten Gesundheitszustand. Für zwei positiv getestete Fälle in Genf sowie je einen in Zürich, Basel-Land und im Wallis steht die Bestätigung durch das Genfer Referenzlabor noch aus. Beim zuletzt gemeldeten Patienten aus dem Wallis handelt es sich um einen etwa 30 Jahre alten Oberwalliser. Der erste am Coronavirus erkrankte Patient der Schweiz aus dem Kanton Tessin konnte Freitag (28. 2.) aus dem Spital entlassen werden.
  • Die Stadt Chur hat wegen des Coronavirus in Absprache mit dem Kanton entschieden, dass ab sofort Veranstaltungen ab 50 Personen grundsätzlich untersagt sind. Es gehe darum, die Rückverfolgbarkeit allfällig infizierter Personen bestmöglich sicherzustellen, heisst es in einer Medienmitteilung der Stadtkanzlei vom Freitagabend (28. 2.). Die Massnahme gilt bis zum 15. März.
  • Die Schweizer Armee stellt sich für den Kampf gegen Covid-19 zur Verfügung. «Die Armee ist bereit, die zivilen Behörden mit logistischen und sanitätsdienstlichen Leistungen zu unterstützen», schrieb der Schweizer Armeechef Thomas Süssli am Freitag (28. 2.) auf Twitter. Zudem seien weitere Massnahmen getroffen worden, um die Einsatzbereitschaft zu gewährleisten. Um das eigene Personal zu schützen, gilt auf den Waffenplätzen im Kanton Tessin eine Beschränkung des Ausgangsrayons, wie aus einer Medienmitteilung hervorgeht. Demnach könnte die Armee bald Screenings an Flughäfen, Transporte, Desinfektionen und Sanitätsdienste durchführen.
  • Die Swiss reduziert wegen des Coronavirus ihre Flüge nach Italien. Dies teilte das Unternehmen am Freitagabend (28. 2.) mit. Betroffen sind Flüge nach Florenz, Mailand, Rom und Venedig. Die Massnahme gilt bis Ende März. Passagiere, deren Flug gestrichen wurde, können kostenfrei umbuchen oder erhalten eine Erstattung ihres Ticketpreises
  • Der Fussball in der Schweiz steht an diesem Wochenende komplett still. Der Schweizerische Fussballverband (SFV) hat sämtliche Partien in seinem Zuständigkeitsbereich bis und mit am Montag abgesagt oder verschoben. Auch die Viertelfinals im Schweizer Cup von kommender Woche (4. und 5. März) werden auf einen noch unbestimmten Zeitpunkt verlegt. Dies teilte der SFV am Freitagabend mit.
  • Die Frühlingssession der eidgenössischen Räte, die am 2. März beginnt, findet ohne Besucherinnen und Besucher statt. Auch Journalistinnen und Journalisten ohne permanente Akkreditierung erhalten keinen Zugang, wie aus einer Medienmitteilung hervorgeht. Bereits bestätigte tägliche Akkreditierungen verlieren per sofort ihre Gültigkeit.
  • Laut Regierungsrätin Natalie Rickli ist die Lage im Kanton Zürich unverändert. Die engsten Kontaktpersonen der Infizierten konnten ausfindig gemacht werden. Alle Veranstaltungen im Kanton Zürich mit weniger als 1000 Personen seien bis Anfang nächster Woche genehmigt, sagt der Kantonsarzt Brian Martin. «Die Situation im Kanton Zürich ist gleich wie gestern.» Nächste Woche wird die Lage neu beurteilt.
  • Der Bundesrat ruft die besondere Lage aus und verbietet Grossveranstaltungen mit über 1000 Teilnehmern. Dies geschehe im Sinne einer präventiven Massnahme, sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Freitagmorgen vor den Medien. Betroffen sind beispielsweise die Basler Fasnacht, der Genfer Autosalon, die Giardina in Zürich, Konzerte sowie Fussball- oder Eishockeyspiele. Bürogebäude mit mehr als 1000 Personen sind von dieser Massnahme nicht betroffen.
  • Der Flughafen Zürich verschärft die Massnahmen gegen das Coronavirus vorerst nicht. Man warte auf weitere Anweisungen vom BAG, heisst es auf Anfrage. Bereits in den letzten Wochen wurden zahlreiche Behälter mit Desinfektionsmitteln bereitgestellt und Plakate aufgehängt. Man sei aber auf den Notfall gut vorbereitet, sagt eine Mediensprecherin.
  • Der Schweizerische Nationalfonds (SNF) stellt mehrere Millionen Franken für die Forschung rund um das Coronavirus bereit. Forscher aller Disziplinen sind aufgefordert, sich zu melden, teilte der SNF am Mittwoch (26. 2.) via Twitter mit. Es ist das erste Mal, dass der Nationalfonds Mittel für Notfälle bereitstellt. Der Nationalfonds werde am 6. März einen entsprechenden Aufruf lancieren.
  • Italien nimmt wegen des Coronavirus keine Asylsuchenden aus der Schweiz mehr zurück. Die Suspendierung des Rückübernahmen nach Dublin-Richtlinien gilt bis auf weiteres, wie das Staatssekretariat für Migration (SEM) am Mittwoch (26. 2.) mitteilte. Bereits vorbereitete Rückführungen schob die Schweiz auf.

Alle Nachrichten zu den Entwicklungen ausserhalb der Schweiz finden Sie hier.

Das Referenzlabor in Genf hat bisher acht Fälle von Coronavirus-Erkrankungen in der Schweiz bestätigt, wie das Bundesamt für Gesundheit (BAG) schreibt (Stand: 28. 2.) Bestätigt sind demnach bisher zwei Fälle in Graubünden sowie je einer aus den Kantonen Tessin, Genf, Aargau, Zürich, Basel-Stadt und Waadt. Alle Personen haben sich im Ausland angesteckt. Sie sind isoliert und in einem guten Gesundheitszustand. Für zwei positiv getestete Fälle in Genf sowie je einen in Zürich, Basel-Land und im Wallis steht die Bestätigung durch das Genfer Referenzlabor noch aus.

Der erste am Coronavirus erkrankte Patient der Schweiz aus dem Kanton Tessin konnte Freitag (28. 2.) aus dem Spital entlassen werden. Der Spitalaufenthalt des Patienten sei gut verlaufen. Der Patient habe während seines Aufenthalts in einer Luganeser Privatklinik weder andere Patienten noch das Personal gefährdet. Dies teilte die Klinik im Auftrag des Tessiner Kantonsarztes in einem Communiqué mit.

In welchen Kantonen vom BAG bestätigte Coronafälle aufgetreten sind

Bestätigte Corona-Ansteckungen in der Schweiz, nach Kanton

Die Landesregierung reagiert auf die jüngste Entwicklung. Deshalb hat der Bundesrat am Freitag (28 2.) in einer ausserordentlichen Sitzung beschlossen, die besondere Lage auszurufen.

Die besondere Lage erlaubt es dem Bund, die Führung gemäss dem Epidemiengesetz zu übernehmen. Bisher, in der normalen Lage, waren die Kantone im Lead. Jetzt, in einer epidemiologischen Notlage, kann der Bundesrat «nach Anhörung der Kantone» Massnahmen gegenüber der Bevölkerung anordnen oder die Ärzteschaft dazu verpflichten, bei der Bekämpfung der Krankheit mitzuwirken. Ausserdem ist ein Impfobligatorium gefährdeter Bevölkerungsgruppen möglich. Der Vollzug bleibt aber bei den Kantonen. Auch in der besonderen Lage wahrt der Bund als das föderale Fingerspitzengefühl.

Laut Bundesrat Alain Berset ist die Schweiz gut vorbereitet. Demnach sind seit Ende Februar zehn Labors in der Schweiz bereit, insgesamt 1000 Tests am Tag durchzuführen. Eine rasche Diagnose sei damit sichergestellt. Ebenfalls wurden die Telefon-Hotlines ausgebaut, um die täglich über 1500 Anrufe entgegennehmen zu können.

Der Flughafen Zürich hat die Massnahmen gegen das Coronavirus bisher noch nicht verschärft. Man warte auf weitere Anweisungen vom BAG, heisst es auf Anfrage. Bereits in den letzten Wochen wurden zahlreiche Behälter mit Desinfektionsmitteln bereitgestellt und Plakate aufgehängt. Man sei aber auf den Notfall gut vorbereitet, sagt die Mediensprecherin Sonja Zöchling. «Wir haben im Lager Tausende von Gesichtsmasken, einen Vorrat an Desinfektionsmitteln und Handschuhen.» Zudem könnten an den Schaltern bei Bedarf Plexiglasscheiben angebracht werden.

Wegen der steigenden Zahl von Coronavirus-Fällen hat der Bundesrat am Freitag (28. 2.) ab sofort alle Grossveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen untersagt. Das teilte Bundesrat Alain Berset während einer Pressekonferenz mit. «Wir wollen weitere Ansteckungen so gut es geht in Grenzen halten», sagte er. Dazu gehören unter anderem der Genfer Autosalon, der am 5. März starten sollte und zu dem jedes Jahr mehr als 600 000 Besucher kommen. Ebenso trifft es die Basler Fasnacht, die an diesem Montag beginnen sollte. Zur Zeit tagt auch in Genf der Uno-Menschenrechtsrat, an dem normalerweise im Zeitraum von vier Wochen 10 000 Menschen teilnehmen, darunter etwa 4000 aus dem Ausland.

Bereits vor dem Veranstaltungsverbot hat im Kanton Tessin der Staatsrat sämtliche bevorstehende Fasnachtsveranstaltungen abgesagt sowie zwei Hockeyspiele zu Geisterspielen erklärt. Auch die Organisatoren des Engadin-Marathon und der Genfer Uhrenmesse «Watches & Wonders» haben bereits am Donnerstag (27. 2.) ihre Veranstaltungen wegen des Coronavirus abgesagt.

Die Stadt Chur hat wegen des Cor0navirus in Absprache mit dem Kanton entschieden, bis zum 15. März Veranstaltungen ab 50 Personen grundsätzlich zu untersagen. Der Kanton Luzern hat zusätzlich zur Bundesvorgabe beschlossen, dass auch Anlässe mit internationaler Beteiligung untersagt sind. Dabei geht es sowohl um das Publikum wie um die Auftretenden. Im Kanton Zug müssen Veranstalter von mittelgrossen Anlässen eine Risikoabwägung vornehmen. Veranstaltungen mit Personen aus einem Risikogebiet sind abzusagen. Auch im Kanton Uri müssen Veranstalter von Anlässen mit weniger als 1000 Personen eine Risikoabwägung vornehmen.

Hier finden Sie eine Übersicht von Veranstaltungen, die wegen des Coronavirus abgesagt werden müssen.

Die verschiedenen Detailhändler registrieren inzwischen ein verändertes Einkaufsverhalten. Bei Coop, Migros, Aldi und Lidl hat der Absatz verschiedener Konsumgüter zugenommen, seit das Virus näher gerückt ist. Dazu gehören länger haltbare Lebensmittel wie Teigwaren oder Konserven und auch Desinfektionsmittel oder Babynahrung. Im Tessin, wo der erste Corona-Fall aufgetreten ist, macht sich das gegenwärtig am stärksten bemerkbar. Von eigentlichen Hamsterkäufen und Engpässen könne aber noch keine Rede sein, hiess es etwa bei der Migros.

Ein rares Gut geworden sind derzeit allerdings Hygiene- und Atemschutzmasken in den Apotheken. Gemäss dem Dachverband Pharmasuisse überschreitet die Nachfrage nach Pandemieartikeln die Nachfrage das Angebot momentan bei weitem. Dies sei aber auch auf die saisonale Grippe zurückzuführen. Nach dem Auftreten des Coronavirus hatten sich zunächst vor allem Touristen aus Asien damit ausgerüstet. Seit das Virus in Norditalien und später im Tessin nachgewiesen werden konnte, fragen auch in der Schweiz Wohnhafte die Masken stärker nach. Eine einfache Chirurgenmaske schützt den Träger jedoch nur beschränkt vor einer Ansteckung, sie dient vielmehr dem Schutz der Mitmenschen. Laut dem BAG ist die Maske nur als ergänzender Schritt zu anderen Hygienemassnahmen (zum Beispiel Händewaschen) und Distanzhalten sinnvoll. Gesunden Personen raten die Behörden vom Kauf der Atemschutzmasken ab. Diese würden in Spitälern benötigt und dort auch eine grössere Wirkung erzielen.

Im Tessin sind viele Gesichtsmasken ausverkauft.

Im Tessin sind viele Gesichtsmasken ausverkauft.

Pablo Gianinazzi / Keystone

In zahlreichen Firmen wurden und werden gegenwärtig Notfallpläne und Verhaltensmassregeln für die Mitarbeitenden ausgearbeitet. Am weitesten gehen dabei Unternehmen im Tessin, wo der erste Fall aufgetreten ist und viele Grenzgänger aus Italien beschäftigt sind. So empfehlen verschiedene Betriebe ihren Mitarbeitern, so weit wie möglich aus dem Home-Office zu arbeiten. «Unternehmen zwingen Mitarbeiter jedoch nicht, zu Hause zu bleiben, sondern raten ihnen lediglich, diese Möglichkeit zu nutzen», betont Daniela Bührig, Sekretärin des Verbandes der Tessiner Industrie. Die IT-Infrastrukturen, sichere Netzwerke für die Remote-Arbeit seien in den meisten Fällen vorhanden. «Die Unternehmen improvisieren also nicht», hält Bührig fest.

Betroffen ist unter anderem der Lifthersteller Schindler, der in Locarno eine Produktionsstätte unterhält. Die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeiter, ihrer Familien und der örtlichen Gemeinschaft habe erste Priorität, erklärt Mediensprecherin Carolyn Pike. «Schindler hat seine Mitarbeiter gebeten, Reisen nach und von Italien aufgrund der anhaltenden Coronavirus-Situation zu vermeiden», hält Pike fest. Mitarbeiter, die kürzlich die betroffenen Gebiete in Norditalien besucht hätten, würden gebeten, eine 14-tägige Selbstquarantäne einzuhalten. «Wir ermutigen unsere Mitarbeiter in Europa dazu, sogenanntes Smart Working einzusetzen und alle nicht unerlässlichen Reisen zu verschieben», sagt Pike. Das Gleiche gelte für Asien. Die Mitarbeiter seien gebeten worden, auch Reisen von und nach Asien zu vermeiden.

Ähnliche Vorkehrungen trifft Siemens Schweiz, wie Mediensprecher Benno Estermann auf Anfrage mitteilt: «Alle Rückkehrer von Dienst- und Privatreisen, die sich in den letzten 14 Tagen in Italien aufgehalten haben, werden aufgefordert – nach vorheriger Absprache mit der Führungskraft – zwei Wochen im Home Office zu arbeiten.» Bei grippeähnlichen Symptomen sind die Mitarbeitenden aufgefordert, sich umgehend telefonisch mit ihrem Hausarzt in Verbindung zu setzen.
Berufliche Reisen nach Italien sollten Siemens-Mitarbeiter nur in absolut notwendigen Fällen unternehmen. Auch geplante Geschäftsbesuche aus Italien sollten bis auf Weiteres auf einen späteren Zeitpunkt verschoben oder durch Video- oder Telefonkonferenzen ersetzt werden. Diese Anweisungen gelten auch für Südkorea und Japan.

Bei den öffentlichen und privaten Transportunternehmen, die grenzüberschreitende Verkehrsverbindungen anbieten, verfolgt man die neusten Entwicklungen in Sachen Coronavirus aufmerksam. «Wir stehen in engem Kontakt mit dem Bundesamt für Gesundheit», erklärt der SBB-Sprecher Martin Meier. Zurzeit würden keine Massnahmen getroffen, um Bahnverbindungen ins Ausland zu unterbrechen. «Der Lead liegt beim Bund», sagt Meier. «Wenn das Bundesamt für Gesundheit empfehlen würde, den grenzüberschreitenden Verkehr einzustellen, würden wir dies unverzüglich umsetzen.»

Sollte der Bund entsprechende Massnahmen anordnen, wären nicht nur die SBB betroffen, sondern zahlreiche weitere Verkehrsunternehmen wie Flixbus, Postauto, die Rhätische Bahn sowie weitere Bahn- und Busunternehmen, die grenzüberschreitende Linien anbieten.

Um sich selbst und andere zu schützen, empfiehlt die WHO, eine Reihe grundlegender Hygienemassnahmen einzuhalten. So sollte man unter anderem regelmässig die Hände mit Wasser und Seife oder einer alkoholbasierten Lösung reinigen. Muss man husten oder niesen, sollte man Mund und Nase mit einem Taschentuch oder der Armbeuge bedecken. Das Taschentuch hinterher in einem geschlossenen Behälter entsorgen und Hände waschen.

Schauen Sie im Video, wie Sie sich und andere schützen können.

Mitarbeit: gam., cts., cb., ase., alg. toc., ran.; mit Agenturmaterial