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Aufschlag von unten: Ein Anfängerschlag ärgert die Tenniscracks

Einst provozierte Michael Chang in Paris den grossen Ivan Lendl mit einem Service von unten, nun schlägt der Kasche Alexander Bublik damit sogar Asse.

Keiner beherrscht den Aufschlag von unten so gut wie er: Alexander Bublik, die kasachische Weltnummer 49.

Keiner beherrscht den Aufschlag von unten so gut wie er: Alexander Bublik, die kasachische Weltnummer 49.

Foto: Keystone

Michael Chang wollte keinen neuen Trend setzen. Er war schlicht verzweifelt. Wadenkrämpfe plagten den damals 17-jährigen Amerikaner in Roland Garros im fünften Satz seines Achtelfinals gegen den grossen Ivan Lendl anno 1989. Chang konnte beim Aufschlag nicht mehr mit den Beinen abstossen, «legte» den Ball nur noch sachte ins gegnerische Feld. Und weil Lendl nervös geworden war, jagte ein Break das andere. Um bei seinem Aufschlag diese Dynamik zu durchbrechen, versuchte Chang etwas Neues: Bei 4:3 und 15:30 servierte er von unten. Etwas, was sonst nur Hobbyspieler tun. Und zwar selten die guten.

Chang täuschte den Beginn einer normalen Aufschlagbewegung an und spielte dann den Ball von unten übers Netz. Lendl retournierte, stiess nach vorne und wurde passiert. Das Publikum tobte, Chang jubelte, Lendl kochte vor Wut. Der siebenfache Grand-Slam-Sieger sah dies als Majestätsbeleidigung und wurde dadurch vollends aus dem Konzept gebracht. Chang gewann sechs der nächsten sieben Punkte und den Match, zum Abschluss servierte Lendl einen Doppelfehler.

Der junge Amerikaner aus Hoboken, New Jersey, tänzelte in der Folge zu seinem ersten und einzigen Grand-Slam-Titel, schlug im Final Stefan Edberg. Einen Aufschlag von unten spielte Chang in seiner Profikarriere indes nie mehr. «Ich kam gar nicht auf den Gedanken», sagte er vergangenes Jahr zum Jubiläum jener denkwürdigen Partie. Gut 30 Jahre später erlebt dieser Anfängerschlag, den Chang damals berühmt machte, sein Revival auf der Tour. Rebell Nick Kyrgios begann, ihn regelmässig zu spielen, um seine Gegner und das Tennis-Establishment zu provozieren. Der Kasache Alexander Bublik, auch er ein Nonkonformist, hat den Schlag perfektioniert.

Am Montag bei seinem Viersatzsieg über Gaël Monfils gelang dem 23-Jährigen mit den spindeldürren Beinen damit sogar ein Ass. Der Franzose war nicht gefasst und machte nicht einmal den Versuch, den kurzen Ball zu erlaufen. Monfils, der ja selber unkonventionell spielt, verzog keine Miene. Andere hingegen sehen Bubliks Trickschläge als Affront. So beschwerte sich der Chilene Cristian Garin vergangene Woche in Hamburg nach einem Unterarm-Aufschlags-Ass von Bublik sogar beim Schiedsrichter. Ohne Erfolg.

Der Schlag ist regelkonform und in Zeiten, da die Cracks beim Return zusehends weiter hinten stehen US-Open-Sieger Dominic Thiem war in New York beim Return phasenweise kaum mehr zu sehen, durchaus eine Taktik, um den Gegner aus der Reserve zu locken. Auf Sand ist der Service von unten, wie der Stoppball, noch etwas effizienter, weil der Ball hier weniger hoch abspringt. Vor allem bei solch nassen, kalten Bedingungen wie aktuell in Paris. «Einen guten Aufschlag von unten zu spielen ist sehr schwierig», sagt Bublik. «Ich trainiere ihn regelmässig.» Allerdings darf der mit Unterschnitt gespielte Ball nicht zu lang geraten. Wann er ihn einsetze, entscheide er nach Gefühl, so die Weltnummer 49.

«Mittlerweile retournieren viele sehr weit von hinten und sind nicht vorbereitet.»

Michael Lammer, Headcoach Swiss Tennis

Der Überraschungseffekt sei entscheidend, sagt Michael Lammer, Headcoach bei Swiss Tennis. «Mittlerweile retournieren viele sehr weit von hinten und sind nicht vorbereitet.» Aber ob sich der unorthodoxe Schlag auf der Tour etabliere, sei schwer zu sagen. «Momentan spielt ihn ja nur Bublik regelmässig. Du musst auch der Typ dafür sein. Bei Bublik, der sicher nicht 08/15 ist, passt es.» Klar ist: Der Schlag ist auch eine Botschaft an den Gegner, er soll diesen zum Denken bringen, ihn provozieren. Chang ist das bei Lendl in Paris einst bestens gelungen.

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