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Antrittsrede des neuen Präsidenten: Dann wird selbst der freundliche Joe Biden mürrisch

Die Antrittsrede des neuen Präsidenten gilt als die wichtigste seit jener von Lincoln. Für Biden Reden zu schreiben ist aber kein Spass. Das hat mit seiner Kindheit und einer Sprechstörung zu tun.

Der neue US-Präsident Joe Biden ist bei seinen Reden sehr pingelig, wie Mitarbeitende berichten. Er überarbeitet sie mehrmals, bis er komplett zufrieden ist.

Der neue US-Präsident Joe Biden ist bei seinen Reden sehr pingelig, wie Mitarbeitende berichten. Er überarbeitet sie mehrmals, bis er komplett zufrieden ist.

Foto: Andrew Harnik (Keystone/AP)

Der 78-jährige Joe Biden hält heute Mittwoch die wohl wichtigste Rede seines Lebens. Um 18 Uhr Schweizer Zeit (12 Uhr mittags in Washington D.C.) tritt der neue US-Präsident während der Amtseinführung ans Mikrofon. Die folgende Ansprache an die zutiefst gespaltene Nation halten viele Amerikaner für die wichtigste seit der «Gettysburg Address» von Abraham Lincoln während des Bürgerkriegs 1863. Biden dürfte deshalb wohl jedes Wort auf die Goldwaage legen – er ist sich der enormen Bedeutung exakt zwei Wochen nach dem Sturm des US-Capitols sehr bewusst, wie ihm nahestehende Personen sagen.

Eine spezielle Vorgehensweise braucht der neue US-Präsident allerdings nicht, denn Biden ist ohnehin ein Perfektionist, was Reden anbelangt, wie die US-Zeitung Politico von seinen Mitarbeitenden und Beratern weiss. «Eine Rede für Biden zu schreiben, kann die Hölle sein. Und das war vor der Amtseinführung», titelt Politico gar. Biden überarbeitet seine Worte demnach immer wieder, verschanzt sich kurz vor einem Auftritt nochmals im Auto und feilt bis zur letzten Sekunde an den Details. Es sei nicht ungewöhnlich, dass ein Helfer die fertige Rede eiligst via USB Stick auf den Teleprompter laden müsse, während Biden auf die Bühne tritt.

Biden liest auch vom Teleprompter. Wichtige Passagen lernt er aber auswendig, um beim Ablesen nicht über einzelne Worte zu stolpern.

Biden liest auch vom Teleprompter. Wichtige Passagen lernt er aber auswendig, um beim Ablesen nicht über einzelne Worte zu stolpern.

Foto: John Locher (Keystone/AP)

Der 78-Jährige lernt wichtige Passagen so lange auswendig, bis er sie seinen Beratern vortragen kann. Und der sonst freundliche und immer gut gelaunt wirkende Biden kann ganz schön mürrisch werden, wenn es um den genauen Wortlaut geht. Passt ihm ein vorgeschlagener Satz nicht, fährt er seine Helfer schon mal an und beschwert sich, dass er so etwas nie sagen würde. Selbst bei Auszügen, die seine Redenschreiber von alten Reden übernommen haben.

Bidens Kindheit: «Ärger, Wut, Demütigung»

Biden nehme kaum etwas so ernst wie seine Reden, schreibt Politico und dies sei wohl in seiner Kindheit begründet. Damals stotterte der Junge, der heute die USA wieder zu vereinen versucht (mehr dazu: Joe Biden, der Nahbare). In einem Interview mit dem Magazin Atlantic erzählte Biden von seiner Schulzeit, als alle in der Klasse aus einem Buch vorlesen mussten. Der junge Joe lernte seinen Abschnitt auswendig, da er beim rezitieren weniger stottern musste, als beim vorlesen. «Ich habe nur so getan, als würde ich lesen», sagte er dem Atlantic-Journalisten.

Biden erinnert sich, wie er nicht nur von Mitschülern, sondern auch von der Nonne der Schule gehänselt wurde. «Ärger, Wut und Demütigung» hätten ihn durch seine Kindheit begleitet. Sein Spitzname war «Dash», nicht weil er so schnell rannte, sondern weil er wie in Morsecode redete – auf English sind Punkt und Strich «dot» und «dash».

«Das Stottern ist die einzige Behinderung, über welche die Leute noch lachen.»

Joe Biden

In der Jugend stotterte Biden weniger, die Beleidigungen blieben aber. Und so begann er sich auf alle möglichen Situationen vorzubereiten. Er überlegte sich, was für Fragen ihn erwarten könnten und bereitete passende Antworten vor, die er im Kopf immer wieder durchging. So lernte er, mit seiner Sprechstörung umzugehen. Auch Pausen gehören dazu. Biden weiss genau, wie lange er reden kann, bevor er eine Atempause benötigt.

Biden und «The King’s Speech»

Der neue US-Präsident sagt von sich selber, dass er seit der Zeit an der Universität von Delaware nicht mehr richtig gestottert habe. Er denke schon seit Jahrzehnten kaum mehr daran. Nur für Betroffene oder Eingeweihte sind offenbar hier und dort Schwierigkeiten zu hören, beispielsweise bei Wörtern, die mit L oder R beginnen. Auch V sei ein Problem, sagt Biden dem selbst betroffenen Journalisten vom Atlantic Magazine. Biden selbst bezeichnet sich aber als ehemaligen Stotterer.

Von der Sprachstörung sind mehr Jungen als Mädchen betroffen und häufig verliert sie sich während der Jugend. Auch Bruce Willis oder James Earl Jones – die berühmte Stimme von Darth Vader aus Star Wars – stotterten in der Kindheit. Oder der britische König Georg VI., den die Störung durch das gesamte Leben begleitete und der 1939 die berühmte BBC-Radioansprache zum Kriegseintritt Grossbritanniens hielt – 2010 als «The King’s Speech» verfilmt.

Der britische König George VI. – der Vater von Queen Elizabeth II. – stotterte sein Leben lang. Sein Umgang mit der Sprechstörung wurde in «The King’s Speech» verfilmt.

Der britische König George VI. – der Vater von Queen Elizabeth II. – stotterte sein Leben lang. Sein Umgang mit der Sprechstörung wurde in «The King’s Speech» verfilmt.

Foto: Pressebild/BBC Archiv

Biden erwähnt den Film gerne selber, um Leuten zu erklären, wie er damit umgeht. Er wende die gleichen Techniken an wie George VI., sagte er zu CNN. Er bereite sich akribisch vor. Und er unterteile Sätze in kurze Abschnitte mit Pausen, so komme er nicht in Eile.

In spontanen Situationen geht dies weniger gut. Das zeigte sich bei der Vorwahlen 2019. Der Demokrat hatte während TV-Duellen Mühe mit einzelnen Worten und mit der Aussprache. Die Konkurrenz lachte über ihn, Fox News stellte kleine Videoclips mit Stotterpassagen zusammen und viele hielten den heute 78-Jährigen für senil. Seine Fähigkeit, das Amt des US-Präsidenten auszuführen, wurde angezweifelt, nicht zuletzt von seinem Hauptkonkurrenten Donald Trump.

Poesie half dem jungen Biden

Joe Biden, der die «Stuttering Foundation» unterstützt, sagte zu CNN: «Das Stottern ist die einzige Behinderung, über welche die Leute noch lachen. Die Leute werden noch immer gedemütigt, selbst von Menschen, die das nicht einmal wollen.» Er habe Glück gehabt, dass seine Mutter ihn stets unterstützt hatte. «Joey, lass dich davon nicht definieren. Joey, erinnere dich daran, wer du bist. Joey, du kannst es schaffen», habe sie ihm stets gesagt.

«Meine Eltern haben mir immer wieder beigebracht, dass anders zu sein kein Hindernis für den Erfolg ist», sagte Biden bei einer anderen Rede. «Und das Merkmal eines Mannes ist nicht, wie oft er niedergeschlagen wird, sondern wie schnell er wieder aufsteht.»

Er gab nie auf und setzte zu einer grossen Karriere an: Kurz vor seinem 30. Geburtstag wurde Joe Biden 1972 in den US-Senat gewählt. Nur wenige Tage später starben seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall – sie wollten einen Weihnachtsbaum kaufen.

Er gab nie auf und setzte zu einer grossen Karriere an: Kurz vor seinem 30. Geburtstag wurde Joe Biden 1972 in den US-Senat gewählt. Nur wenige Tage später starben seine Frau und seine Tochter bei einem Autounfall – sie wollten einen Weihnachtsbaum kaufen.

Foto: AP/Keystone (Archiv)

Das Stottern überwinden konnte Biden nach eigenen Aussagen auch mit Poesie. Die Nonnen seiner Schule lehrten ihn den Sprachrhythmus beim Rezitieren und er übte später unablässig Gedichte vor dem Spiegel. Heute bezeichnet Biden die Sprechstörung als «sein Geschenk von Gott». Er habe dadurch gelernt, auch unter widrigen Umständen durchzuhalten und er habe neue Stärken und Fähigkeiten entdeckt, die ihm im Leben auch anderweitig halfen. Schon im Alter von 29 Jahren wurde er in den US-Senat gewählt und übte dieses Amt 36 Jahre lang aus.

Rede schon mehrfach geändert

In seiner Politkarriere hat Biden viele Reden gehalten, doch seine wichtigste steht nun kurz bevor. Zwei Wochen nach dem für viele Amerikaner schlimmsten Angriff auf die US-Demokratie seit über 200 Jahren muss er damit beginnen, das Land langsam wieder zu einen. Ein Land, das sein Vorgänger Tag für Tag mehr gespalten hat. Biden arbeitet seit Mitte November mit mehreren Schreibern an dieser Rede, sagen seine Mitarbeitenden. Wie es von ihm bekannt ist, wurde sie mehrfach geändert, auch wegen der historischen Vorgänge rund um die Wahl und den Capitol-Sturm am 6. Januar.

«Joe Biden ist jemand, der an seinem Glauben und Optimismus festgehalten hat, obwohl er mehr Tragödien als die meisten anderen ertragen musste.»

Redenschreiber Jon Favreau

Bidens Rede wird rund 20 Minuten dauern, etwas länger als jene von Donald Trump oder Barack Obama. In einer Zeit der nationalen Krise dürfte fast das gesamte Land zuhören, was der neue Präsident sagt. Und Jon Favreau, der ehemalige Redenschreiber von Barack Obama, ist sicher, dass Joe Biden die genau richtige Person für diesen Moment ist, weil auch sein Leben von Schicksalsschlägen gezeichnet ist – Bidens erste Frau und seine Tochter starben 1972 bei einem Autounfall, sein Sohn Beau 2015 an einem Hirntumor.

«Keine noch so gut gehaltene Antrittsrede kann diese kollektive Wunde heilen», sagt Favreau zum aktuellen Zustand der USA. «Aber Joe Biden ist jemand, der an seinem Glauben und Optimismus festgehalten hat, obwohl er mehr Tragödien als die meisten anderen ertragen musste, was ihn in die einzigartige Lage versetzt, das Land aufzufordern, dasselbe zu tun.»

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