Switzerland

«Anfang Jahr machten wir noch Witze im Labor»

Anna Stern ist Schriftstellerin und forscht an der ETH zu Seuchen. Einen Pandemie-Roman hat sie eben abgebrochen. Er war zu nah an der Realität.

Schreibt derzeit den vierten Roman und ihre Doktorarbeit: Anna Stern.

Schreibt derzeit den vierten Roman und ihre Doktorarbeit: Anna Stern.

Foto: Doris Fanconi

Haben Sie die Pandemie erwartet?

Wissenschaftlich gesehen war voraussehbar, dass so eine Pandemie irgendwann passieren wird. Umso erstaunlicher, wie schlecht wir alle darauf vorbereitet waren. Ich kann mich noch gut an die ersten Meldungen zu Corona erinnern. Anfang Jahr machten wir noch Witze im Labor. «Hast du Ferien in China gemacht?» Höhö. Wir nahmen die Sache nicht wirklich ernst.

Wann änderte sich das?

Ich erinnere mich genau an den Moment, als ein paar Wochen später in einer Sitzung einer der Professoren sagte, allmählich mache er sich Sorgen wegen dieses Virus. Das nahm mir den Atem, war ein doppelter Schock. Weil dieses Vertrauen – «jemand weiss schon, wie wir hier wieder rauskommen» – plötzlich weg war, als der Professor offen zugab, dass er nicht wusste, wie sich die Pandemie noch entwickeln würde – so ratlos hatte ich ihn noch nie erlebt. Eine Ehrlichkeit, ohne die Wissenschaft notabene nicht funktionieren kann.

Pandemien faszinieren Sie allerdings schon länger.

Mich faszinieren Infektionskrankheiten, deshalb auch mein Doktorat an der ETH. Die Vorstellung, dass es von blossem Auge nicht sichtbare Wesen gibt, die so viel simpler gebaut sind als wir und dennoch eine solche Macht über uns haben, dass sie alle Selbstverständlichkeiten des Alltags hinfällig werden lassen können – das finde ich schon extrem spannend.

Wie blicken Sie als Bakteriologin auf das Coronavirus?

Mein Spezialgebiet sind Antibiotikaresistenzen. Und da besteht leider die Gefahr, dass sich durch einen massenhaften Einsatz von Antibiotika und Desinfektionsmitteln, wie wir ihn gerade erleben, neue Resistenzen bilden können.

Wie sind Sie persönlich von der Pandemie betroffen?

An der Professur für Pathogenökologie forschen wir aktuell mehr zu Bakterien als zu Viren. Die ETH schickte auch uns deshalb Anfang März ins Homeoffice. Wir liehen den Spitälern unsere Laborgeräte und Testreagenzien aus und registrierten von zu Hause aus für den Kanton Zürich die Fallzahlen. Als Schriftstellerin schrieb ich in dieser Zeit einen Text für das Pop-up-Magazin «Stoff für den Shutdown» und gab einen Roman über eine Pandemie auf.

Macht Ressourcen für Corona-Forschung frei: Die ETH. (7. April 2020)

Macht Ressourcen für Corona-Forschung frei: Die ETH. (7. April 2020)

Foto: Keystone

Einen Roman über Corona vor Corona?

Ein Corona-Roman wäre es nicht geworden. Aber ich hatte tatsächlich einen Roman im Kopf, in dem eine Pandemie um die Welt geht, die das Zusammenleben fundamental verändert. Die Idee war, dass ein Virus die meisten Menschen unfruchtbar macht, worauf eine Jagd auf die letzten Fruchtbaren beginnt. Diese Ebene spielt sich jedoch bloss im Kopf der Protagonistin ab. Auf der zweiten Ebene befinden wir uns mit der Protagonistin in der Psychiatrie, worauf eine Ärztin Interesse an ihr findet, sie beobachtet und zunehmend das Gefühl für die Grenzen des Arzt-Patienten-Verhältnisses verliert… Ich hatte mich mit einer Romanskizze bereits für einige Stipendien beworben, habe das Projekt nun aber abgebrochen. Es fühlt sich einfach nicht richtig an. Die reale Pandemie beschäftigt uns momentan zu stark.

Aber es bildet sich ja gerade durchaus eine Art Corona-Literatur heraus. So führen viele Literatinnen und Literaten Tagebuch.

Die unmittelbare Wiedergabe persönlichen Empfindens scheint mir meist nicht wirklich interessant zu sein. Ich bin nicht neugierig auf diese Tagebücher, weil wir uns alle schon die ganze Zeit mit Corona beschäftigen. Ich will mit Texten das Unbekannte erkunden, als Leserin wie als Schreiberin. Gut, für das Tagebuch von Peter Stamm dürfte ich eine Ausnahme machen, das schaue ich mir später wohl mal an.

Und was ist richtig gute Pandemie-Literatur?

Ich habe jüngst die grossartigen Cromwell-Romane von Hilary Mantel gelesen. Da taucht immer wieder diese mysteriöse Krankheit des Englischen Schweisses auf. Eine Infektionskrankheit, an der Betroffene innert weniger Stunden starben und über deren Herkunft man bis heute noch fast nichts weiss.

Erinnerte an eine verschwundene, mysteriöse Seuche: Autorin Hilary Mantel. (16. Oktober 2012)

Erinnerte an eine verschwundene, mysteriöse Seuche: Autorin Hilary Mantel. (16. Oktober 2012)

Foto: Keystone

Was bedeutet es, wenn die Leute nun en masse Camus’ «Pest» lesen?

Das Buch ist ein Trost, weil es uns aus unserem Chronozentrismus herausreisst – aus der Vorstellung, wir lebten gerade in besonders gefährlichen oder dramatischen Zeiten. Andererseits kann das Buch auch frustrieren. Weil wir realisieren, wie wenig der Mensch bisher imstande war, tatsächlich dazuzulernen.

Was können wir denn von Corona lernen?

Vielleicht die Einsicht, dass wir tatsächlich nicht die Krone der Schöpfung sind. Und leider eben auch, dass der Mensch ein sehr träges Wesen ist, das sich offenbar nicht wirklich vorbereiten kann – selbst auf offensichtliche Gefahren nicht. Dass er andererseits aber auch ganz schnell reagieren kann, wenn eine Krise erst einmal eingetreten ist. Vielleicht können wir das in der Klimakrise ja nun auch. Oder wir sehen zumindest ein, dass es auch ohne Fliegen ganz gut geht. Ich hoffe, ich bin nicht allein damit.

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