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Andrea Pirlo in seinem neuen Leben als Trainer von Juventus Turin: Ein Genie wird profan

Der italienische Klub tritt am Mittwoch in der Champions League gegen den FC Barcelona an. Sein Trainer lernt gerade, dass es nicht einfach ist, vom feinsinnigen Spieler zum Dirigenten eines komplexen Ensembles aufzusteigen. Die Covid-19-Erkrankung von Cristiano Ronaldo erschwert das Unterfangen zusätzlich.

Cristiano Ronaldo und der Trainer Andrea Pirlo: von Maestro zu Maestro.

Cristiano Ronaldo und der Trainer Andrea Pirlo: von Maestro zu Maestro.

Antonietta Baldassarre / Insidefoto / Imago

Der Vollbart wird länger und auch ein bisschen struppiger, der Blick melancholischer. Andrea Pirlo, schon in seinen Zeiten als aktiver Fussballer nicht als charismatischer Redner aufgefallen, wirkte in den letzten Wochen immer verlorener. Teilnahmslos stand er meist am Spielfeldrand. Sein Phlegma, das man in seinen Zeiten als Mittelfeldlenker gern als stoisch pries, weil es in angenehmem Kontrast stand zur latenten Überdrehtheit der Fussballbranche, kommt nicht mehr souverän daher. Es strahlt nurmehr Passivität aus. Erst recht, da Pirlos Juventus die Erwartungen, die in den Klub gesetzt wurden, bis jetzt nicht erfüllen kann.

Die Punktebilanz sieht traurig aus: nur eine gewonnene Partie und drei Remis in der Serie A. Hinzu kommt das 3:0 am grünen Tisch gegen die SSC Napoli. Ob diese drei Punkte auf der Habenseite bleiben, ist Gegenstand eines juristischen Tauziehens.

Seltene Glanzmomente

Auch spielerisch überzeugte Juventus bisher selten. Natürlich gab es Glanzmomente, etwa als gegen Crotone der schwedische Zuzug Dejan Kulusevski auf dem rechten Flügel den von der Fiorentina gekommenen Federico Chiesa brillant einsetzte und dieser den Ball perfekt zum Rückkehrer Alvaro Morata brachte, der ihn nur noch einzuschieben brauchte. Auch das Tor zum 1:0 im Champions-League-Match gegen Dinamo Kiew war zwischen Chiesa, Aaron Ramsey, Kulusevski und Morata glänzend herausgespielt. Da konnte man erahnen, welch kühne Spiel-Designs im Skizzenblock des einstigen Mittelfeldstrategen warten.

Diese Momente sind allerdings selten. Um in der Terminologie der Kunst zu bleiben: Die Leinwand, auf die der von allen gern «Maestro» genannte Pirlo seine Linien und Punkte auftragen will, wirkt schlecht grundiert. Juventus ist in der Defensive anfälliger geworden. Vier Gegentore in gleich vielen Serie-A-Matches gab es schon. Das war in der Anfangszeit des ebenfalls nicht als Defensivgott gefeierten Trainervorgängers Maurizio Sarri nicht anders. Drei der vier Gegentore in der frühen Sarri-Phase kassierte Juventus allerdings im Spitzenmatch gegen Napoli. Juve gewann diesen Match damals 4:3 und holte im gleichen Zeitraum insgesamt drei Siege und lediglich ein Remis – genau die umkehrte Bilanz also, verglichen mit der neuen Saison.

Dass Pirlos Juve derzeit sogar Gegner wie Crotone und Verona zum Toreschiessen einlädt, liegt nicht etwa daran, dass der Keeper Wojciech Szczesny oder dessen Ersatz Gigi Buffon schlechter geworden wären. Die Verletzungsserie im Abwehrverbund liefert bestenfalls eine Teilerklärung. Matthijs de Ligt hat wegen seiner Schulteroperation noch keinen einzigen Match bestritten, der Altmeister Giorgio Chiellini hält sich mehr beim Physiotherapeuten auf als auf dem Trainingsgelände. Und jüngst musste auch noch Leonardo Bonucci angeschlagen ausgetauscht werden.

Das Problem ist aber eher, dass die Equipe schlecht ausbalanciert ist. Das hohe Pressing, das der Trainerneuling Pirlo ganz nach der aktuellen Mode den Seinen verordnet, führt dazu, dass sich rings um seine Innenverteidiger enorme Räume auftun. In diese stossen auf Konter ausgerichtete Teams wie eben Crotone und Hellas Verona mit grossem Vergnügen.

In der Offensive sieht man hingegen schon die konstruktive Hand des Maestros: eine Abkehr vom Kurzpassspiel Sarris, stattdessen Spielverlagerungen mit präzisen Steil- und Diagonalpässen, verbunden mit dem Mut zum Dribbling auch im Strafraum. Besonders Kulusevski zeichnet sich hierbei aus. Auch Chiesa, zum Ende der Transferperiode gekommen, lässt gute Ansätze erkennen. Und mit Morata steht ein Mittelstürmer zur Verfügung, der sowohl geniale als auch profane Zuspiele gut zu verarbeiten weiss.

Ausgerechnet die neuen Spieler sind gegenwärtig die Musterschüler Pirlos. Sie lassen sogar die Corona-bedingte Absenz Cristiano Ronaldos vergessen. Das ist die gute Nachricht: Was die Spielkultur angeht, ist Juventus nicht mehr von ihm abhängig. Dennoch unternahm der Klub alles Menschenmögliche, um Ronaldo für die Champions-League-Partie gegen den FC Barcelona melden zu können. Die Frequenz seiner Corona-Tests wurde jüngst auf einen pro Tag erhöht. Gemäss italienischen Medienberichten war es aber nicht möglich, Ronaldo bis um 21 Uhr am Dienstagabend ins Kader aufzunehmen.

Aber auch ohne ihn ist Juves Offensivabteilung attraktiv. Grösseres Kopfzerbrechen bereitet Pirlo sein einstiges Habitat, das Mittelfeld. Seine vier Stammspieler dort sind zwar universell einsetzbar. Doch Pirlo sieht keinen von ihnen als Spielmacher – weder den Brasilianer Arthur noch den Franzosen Rabiot, den Waliser Ramsey oder den Urugayer Betancur. Keiner von ihnen verfügt über die dafür nötige technische Klasse und Spielintelligenz. Das Quartett lässt auch die persönliche Ausstrahlung vermissen, die zu einer solchen Rolle gehört: den Willen, die anderen mitzureissen, einem Match den Stempel aufzudrücken, Dominanz auszustrahlen.

In dem vor wenigen Wochen erschienenen Buch «Die Geschichte der Juventus in 50 Porträts» kann man pikanterweise nachlesen, dass die Erfolgsstory der Bianconeri der letzten neun Scudetti ausgerechnet mit einem Mittelfeld als Herzstück begann: mit dem Dauerläufer Claudio Marchisio, dem bulligen Arturo Vidal, dem athletischen Paul Pogba und natürlich dem genialen Pirlo.

Ertragloser Wechsel

Den einzigen Mittelfeldmann der Extraklasse, den Bosnier Miralem Pjanic, gab Juventus Ende Juni aus wirtschaftlichen Gründen ab. Er wurde ausgerechnet beim heutigen Gegner Barcelona gegen Arthur ausgetauscht. Für beide war es ein Abstieg. Pjanic wurde vom Führungsspieler bei Juve zum Bankdrücker bei Barça. Arthur tauschte in der Disziplin des Bankdrückens das auratisch aufgeladene Möbelstück im Camp Nou gegen die weniger prominente Plastikschale des Allianz Stadium.

Ob Pirlo den Wechsel goutierte oder nur zähneknirschend hinnahm, wird man wohl nie erfahren. Fakt ist, dass seine Kurve derzeit bei denen sinkt, die den Calcio mathematisch betrachten. Der Wettanbieter Snai stufte die Quote für Wetten auf einen Rausschmiss Pirlos noch in dieser Saison jedenfalls von 7,5 auf 5,5 herab.

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