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Analyse zu den US-Präsidentschaftswahlen: Amerika braucht jetzt Joe Biden

Der Kandidat der Demokraten verspricht seinen verunsicherten und erschöpften Landsleuten eine Atempause jenseits von Parteipolitik und Ideologie. Sie haben es bitter nötig.

Fast schon revolutionär: Joe Biden verspricht, ein Präsident aller Amerikaner zu sein, auch jener, die ihn nicht gewählt haben.

Fast schon revolutionär: Joe Biden verspricht, ein Präsident aller Amerikaner zu sein, auch jener, die ihn nicht gewählt haben.

Foto: Matt Rourke (AP)

Joe Biden hat versprochen, er wolle Präsident aller Amerikaner sein. Also auch jener, die ihn nicht unterstützen. Das ist eine gängige Plattitüde von Kandidaten. 2020 hingegen wirkt die Idee, dass dem Präsidenten die Interessen der gesamten Nation am Herzen liegen, schon fast revolutionär. Donald Trump hat die Vereinigten Staaten zwar nicht gespalten, das waren sie schon vor seiner Amtszeit. Aber er hat nie versucht, die Gräben zu überwinden. Im Gegenteil, der Präsident hat sie mit seiner Politik vertieft.

Falls Biden am 20. Januar an die Macht kommt und eine Nation in der Krise übernimmt, wäre das kein Neuland für ihn.

Die Corona-Pandemie ist mit fast 230’000 Toten die grösste Krise der USA seit dem Zweiten Weltkrieg. Sie hätte dem Präsidenten die Gelegenheit geboten, seine polarisierende Twitter-Politik hinter sich zu lassen und als Versöhner und Vereiner aufzutreten. Nicht mehr trumpesk, sondern präsidial. «Great crises produce great men», hatte John F. Kennedy gesagt. «Grosse Krisen bringen grosse Männer hervor.» Trump nutzte seine historische Chance nicht, vielmehr belog er sein Volk über das wahre Ausmass der Bedrohung. Alles noch schlimmer machte er, als er gegen Wissenschaftler und demokratische Gouverneure pöbelte. Ein nationaler Schulterschluss wie nach 9/11 blieb deshalb aus.

Gewinnt Biden die Wahl, wird er alles daransetzen, dies nachzuholen, um das Land im Kampf gegen die Pandemie zu einen. Debatten, ob man Masken tragen soll oder nicht, würden sich endlich als das erweisen, was sie sind, nämlich lächerlich. Falls Biden am 20. Januar an die Macht kommt und eine Nation in der Krise übernimmt, wäre das kein Neuland für ihn. Als der Vize Barack Obamas 2009 sein Amt antrat, war die Finanzkrise auf dem Höhepunkt. Die USA befanden sich in einem ähnlich beängstigenden Zustand. Obama beauftragte den ehemaligen Langzeit-Senator Biden, mit dem Kongress zusammenzuarbeiten, um ein parteiübergreifendes Konjunkturpaket zu schnüren. Amerikas Autoindustrie und die Wirtschaft erholten sich, ab 2010 setzte ein Wachstum ein, das bis zur Corona-Krise anhielt.

Joe Biden ist kein Hoffnungsträger wie Bill Clinton oder Barack Obama. Dafür ist er ein Träger von Empathie.

Unterdessen ist den USA allerdings der Glauben an sich selbst abhandengekommen. Zwei Drittel der Amerikanerinnen und Amerikaner sind der Ansicht, dass sich ihr Land im Niedergang befindet. Deshalb brauchen sie nun Joe Biden. Inmitten des gegenwärtigen Chaos mit Protesten, Unruhen und Unsicherheit verspricht er seinen erschöpften Landsleuten eine Atempause jenseits von Parteipolitik und Ideologie.

Dabei könnte es sich für Biden als Vorteil erweisen, dass er unterschätzt wird. Denn so kann er sich fast nur übertreffen. Der 77-Jährige ist vielleicht nicht der perfekte Kandidat. Denn er ist kein Hoffnungsträger wie Bill Clinton oder Barack Obama. Dafür ist er ein Träger von Empathie. Schicksalsschläge in der Familie haben ihn zu dem gemacht: Er verlor seine erste Frau und eine Tochter bei einem Autounfall, ein Sohn starb an einem Hirntumor. Und nach vier Jahren permanenter Aufregung, Wut und Hass möchte Amerika einfach nur in den Arm genommen werden.

Biden beabsichtigt, die USA wieder zum «Arsenal der Demokratie» zu machen.

Das ist noch kein politisches Programm. Aber es ist ein Anfang. Und im Gegensatz zu Trump hat Biden für die kommenden vier Jahre einen Plan. «Die Demokratie», schrieb er in der US-Zeitschrift «Foreign Affairs», stehe unter «grösserem Druck als jemals zuvor seit den 1930er-Jahren». Dabei scheine Trump für das andere Team zu spielen, nämlich jenes der Autokraten. Biden dagegen beabsichtigt, die USA wieder zum «Arsenal der Demokratie» zu machen. Franklin D. Roosevelt hatte die Vereinigten Staaten zu Beginn des Zweiten Weltkriegs verpflichtet, vier Freiheiten zu verteidigen: Redefreiheit, Religionsfreiheit, Freiheit von Not und Freiheit von Angst. Da will Joe Biden anknüpfen. Er hat einen «Gipfel für die Demokratie» angekündigt, um die Demokratien im Kampf gegen Korruption und Autoritarismus zu vereinen. Genau deshalb fürchten Herrschaften wie Muhammad bin Salman, Jair Bolsonaro oder Wladimir Putin einen Präsidenten Biden.

2020 ist nicht 2016

Zu Recht, denn nur wenige Tage vor dem Urnengang sieht es ziemlich gut aus für den Kandidaten der Demokraten. Allerdings führte vor vier Jahren zu diesem Zeitpunkt auch die damalige Kandidatin Hillary Clinton. Doch 2020 ist nicht 2016: Inzwischen nehmen die Demokraten den begabten Wahlkämpfer Trump ernst. Und mit Biden haben sie einen Kandidaten, der auf weit weniger Ablehnung stösst als Clinton.

Ausserdem war die Stimmbeteiligung vor vier Jahren durchschnittlich. Das wird dieses Jahr anders sein: 70 Millionen US-Bürger haben bereits gewählt, zwei Drittel von ihnen per Post. 2020 dürfte einen Rekord bringenmit der Pandemie und dem polarisierenden Präsidenten als grossen Treibern. Und eine hohe Stimmbeteiligung hilft in der Regel den Demokraten. Doch gewonnen ist noch gar nichts. Amerika aber hätte einen Neuanfang mit Joe Biden verdient.

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