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Amerika steckt in der Babynahrungskrise – die 3 Gründe der Unterversorgung

Babynahrungsmittel stehen in den USA vor dem Ausverkauf. Warum nicht nur die Lieferengpässe schuld am Desaster sind – sondern auch die hohe Inflation sowie ein grosser Lebensmittelskandal.

Ein landesweiter Mangel an Säuglingsnahrung in den USA wird immer verheerender. Seit Monat kämpfen Eltern und Supermärkte mit schwindenden Vorräten an Babynahrung.

Die leeren Regale versetzen Eltern in den Krisenmodus. Viele fahren von Geschäft zu Geschäft, um pulverisierte Ersatzmilch für Säuglinge, kurz «formula», zu besorgen. Oft vergebens. Andere bestellen das Pulver aus dem Internet – zu horrenden Preisen.

Für die berufstätige Mutter Elyssa Schmier ist die Suche von Babymilch zum Vollzeitjob geworden. Gegenüber «USA Today» berichtet sie: «Ich habe letzten Monat drei verschiedene Geschäfte an einem Tag aufgesucht, um Babymilch zu kaufen. Danach wurde mir klar, dass die Säuglingsnahrung nirgendwo mehr zu finden war», berichtete eine Mutter.

Die Krise erinnert an die Hamsterkäufe zu Beginn der Corona-Pandemie – doch sie hat grössere Folgen: besonders medizinisch schwache Kinder sind auf die Säuglingsnahrung angewiesen. Andere Mütter bestellen aus purer Verzweiflung Babymilchpulver von zwielichtigen Internetseiten und verdünnen die Formel selbst, womit sie unter Umständen ihre Säuglinge gefährden.

«Besonders für kleine Babys enthalten viele dieser Formeln und Mischungen, die online zu finden sind, nicht einmal die grundlegendsten Nährstoffmischungen, die Babys zum Überleben brauchen», sagte der Kinderarzt Dr. Steven Abrams. Er rät dringendst davon ab, Säuglingsnahrung selbst zu verdünnen.

The first photo is from this morning at the Ursula Processing Center at the U.S. border. Shelves and pallets packed with baby formula.

The second is from a shelf right here at home. Formula is scarce.

This is what America last looks like. pic.twitter.com/OO0V99njoy

— Kat Cammack (@Kat_Cammack) May 11, 2022

In den USA stillen nur rund ein Viertel der Mütter ihr Neugeborenes bis zum Alter von sechs Monaten – ohne zusätzliche Ergänzung in Form von Babymilch. Dies ist den Zahlen der nationalen Zentren für die Kontrolle und Prävention von Krankheiten zu entnehmen. Die Mütter stehen beim Langzeitstillen besonders vor zwei Herausforderungen – Arbeit sowie Zeit und Ausrüstung zum Abpumpen der Muttermilch.

Mehrere grosse Einzelhändler haben bereits ihre Lagerbestände rationiert, um Hamsterkäufe zu verhindern. In einigen Bundesstaaten folgte die Beschränkung jedoch zu spät. Vor zwei Wochen waren rund 40 Prozent der Babynahrung im ganzen Land ausverkauft. Tendenz steigend.

Sechs Staaten – Tennessee, Texas, Missouri, Iowa, South Dakota und North Dakota – waren mit Versorgungsengpässen von mehr als 50 Prozent konfrontiert.

Aber wie ist die Krise eigentlich entstanden?

Die 3 Gründe für die Unterversorgung

Lieferengpässe

Die Versorgungsproblematik begann mit den anhaltenden Engpässen der Lieferketten durch die Corona-Pandemie. Die Babynahrungsmittelindustrie blieb von Arbeits- und Transportunterbrechungen sowie mit den dadurch entstandenen fehlenden Rohstoffen nicht verschont. Denn: einige wichtige Zutaten für das Pulver werden aus Ländern wie China importiert. Im Januar 2022 fehlten rund 20 Prozent der Vorräte.

Lebensmittelskandal

Ende Februar folgte der grösste Rückruf von Babynahrung der jüngsten Geschichte. Der US-Pharma-Riese Abbott kündigte einen Massenrückruf von mehreren Produkten an und stoppte die Herstellung von Babynahrung in Pulverform.

Der Produktionsstopp erfolgte, nachdem vier Babys nach der Einnahme des Pulvers mit bakteriellen Infektionen ins Krankenhaus eingeliefert wurden. Zwei der vier Säuglinge starben daraufhin, wie die Lebensmittelaufsichtsbehörde FDA mitteilte. Laut FDA habe das Pulver womöglich die bakterielle Infektion «Cronobacter sakazakii» ausgelöst.

Der Rückruf des Pharma-Riesen führte zu einem massiven Mangel an beliebten Babynahrungsmarken im ganzen Land. Einzelne Händler begannen damit, die Menge an Säuglingsnahrung zu rationieren – trotzdem kam es in einigen Bundesstaaten zu Engpässen, die weiter anhalten.

Bislang hat die FDA noch kein grünes Licht zur Wiederaufnahme des Betriebs gegeben. Grund: Zweifel am Hygiene-Konzept des Pharma-Riesen. Die Eltern der verstorbenen Kinder reichten deswegen eine Sammelklage gegen das Unternehmen ein. Sie finden: «Kein Elternteil sollte sich Sorgen machen müssen, dass die Formel, die sie ihrem Säugling oder Kind geben, kontaminiert sein könnte.»

Hohe Inflation

Zum Mangel kam schliesslich auch noch die Inflation dazu. Nicht nur Benzin und die Heizung zahlen die Amis mehr, auch die Preise alltäglicher Dinge – wie Babynahrung – sind stark angestiegen. Aus Angst, dass die Preise weiter steigen, griffen einige verzweifelte Eltern zu Hamsterkäufen bei Babynahrung.

Die Einzelhändler waren zu Beginn nicht auf den Kaufansturm vorbereitet. Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP berichten Betroffene von leeren Regalen in Drogerien und Supermärkten in der Hauptstadt Washington. Man habe bereits damit angefangen, Babymilchpulver aus anderen Bundesstaaten zu beziehen, sofern vorhanden. Auch aus Europa wird bestellt.

Warum wird nicht mehr importiert?

Die in den USA konsumierten Babynahrungsprodukte werden fast ausschliesslich im Inland hergestellt. Nur rund vier Prozent wird importiert. Grund dafür sind die Zollbarrieren, die Teil der langjährigen Subventionierungen und des Schutzes der inländischen Milchindustrie sind, schreibt «The Dispatch». Neben den hohen Zollgebühren unterliegen Importeure umfangreichen und zeitintensiven Inspektionen der FDA.

Die Barrieren verhindern Importe aus der EU. Beliebte europäischen Marken wie Hipp und Holle befinden sich derzeit (noch) auf der langen «roten Liste» der FDA. Dies, obwohl die Lebensmittelstandards laut Recherche der «New York Times» strenger seien, als jene in den USA.

Wie geht es nun weiter?

Auf Druck vieler verzweifelter Eltern sowie auf das Drängen verschiedener Bundesstaaten hat sich nun auch das Weisse Haus eingeschaltet. Präsident Joe Biden traf sich am Donnerstag mit verschiedenen Herstellern, um verschiedene Massnahmen zu besprechen.

Damit die Regale wieder gefüllt werden können, sollen nun die Zutaten für die Babynahrung einfacher importiert werden können. Als Hauptquellen nannte Biden Ländern wie Mexiko, Chile, Irland und die Niederlande. Die Gesundheitsbehörde räumte jedoch ein, dass dies nicht zur sofortigen Behebung des Problems führen werden.

Das Problem der Versorgungssicherheit werde noch mehrere Monate andauern, befürchtet der Kinderarzt Dr. Steven Abrams.