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Am liebsten per «Suizid»: Mafiamorde gehören auch in der Schweiz zum Geschäftsmodell

Mafiosi-Treffen in Frauenfeld gefilmt

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In letzter Zeit mehrten sich Hinweise, dass die Mafia auch in der Schweiz immer wieder Leute umbringt. Mafia-Abrechnungen gibt es also auch bei uns – jedoch sehen sie nicht wie solche aus.

Henry Habegger / ch media

In den Akten zum Fall Imponimento findet sich eine spezielle Passage. Ein im Aargau stationierter Vertrauter des Mafiabosses der Anello-Fruci in Kalabrien sagte gemäss einem V-Mann der Schweizer Bundespolizei: «Normalerweise» würde er sich bei solchen Problemen an seinen «Kollegen» wenden. Gemeint war der Mafiaboss Rocco Anello. Aber das gehe jetzt ja nicht, weil der im Gefängnis sei. Und dann folgt dieser Satz: «Er selber wisse nicht, wer kommen würde, um sie zu töten.» Aber der Kollege, der im Gefängnis sitze, «wüsste, wer das machen könnte».

In zwei konkreten Fällen von mutmasslich getarnten Selbstmorden handelte es sich bei der Tatwaffe um eine Pistole.

In zwei konkreten Fällen von mutmasslich getarnten Selbstmorden handelte es sich bei der Tatwaffe um eine Pistole.

Bild: Shutterstock

Die Passage ist in den Akten nicht näher erläutert, aber sie erwirkt den Eindruck, als gehörten Mafia-Morde auch in der Schweiz zum Geschäftsmodell. Erstaunlich wäre das nicht. In letzter Zeit mehrten sich Hinweise, dass die Mafia auch in der Schweiz immer wieder Leute umbringt. Sie tarnt diese Morde allerdings, so die Vermutung von Ermittlern, als Beziehungsdelikte. Oder, besonders verbreitet, als Suizid.

Die Carabinieri aus dem italienischen Varese vermuten laut der Zeitung «Corriere della Sera» in zwei konkreten Fällen von 2001 und 2003, dass es sich um als Suizide getarnte Abrechnungen unter zwei ’Ndrangheta-Clans handelte. Der eine Tote war ­Valerio Mascaro (24), der sich in einem Wald bei Lamone in der Nähe von ­Lugano angeblich mit einer Pistole erschoss. Die Waffe lag, was ungewöhnlich ist, auf seiner Brust. Selbstmord, so die Schweizer Polizei. Der zweite «Suizid», der wohl keiner war, war jener von Antonio Pollizzo in Emmen LU. Er soll sich laut Polizei mit einer Pistole erschossen haben. Pollizzo war der Bruder eines Mafioso eines der verfeindeten Clans.

Der Bruder war ein «Verräter», weil er nach seiner Verhaftung mit der Justiz zusammenarbeitete. Bei der Fehde ging es um Kokain- und Waffenschmuggel sowie um die Vorherrschaft in der Grenzregion zwischen Ponte Tresa und Luino und «in einem guten Teil der Schweiz». Bei der Lieferung der Waffen spielte auch ein «Broker des Clans» in Winterthur eine Rolle.

Auch der Suizid des Tessiner Anwalts Daniele Borelli, der sich 2011 aufhängte, soll keiner gewesen sein, wie die Zeitung «Il Fatto Quotidiano» nach Recherchen und gestützt auf eine Anzeige der Mutter des Getöteten vermutete. Es sprachen viele Indizien gegen einen Suizid. Der Anwalt verwaltete über eine amerikanische Gesellschaft angeblich Gelder der ’Ndrangheta. Deshalb lief eine Untersuchung gegen ihn. Naheliegend, dass die Mafia ihn zum Schweigen brachte.

Auch die Schweizer Bundespolizei Fedpol geht heute davon aus, dass Tötungsdelikte aus den Neunzigerjahren, die als Beziehungsdelikte eingestuft wurden, Mafia-Abrechnungen waren.