Switzerland

Also wollte man das Leicester der Schweiz nicht: Analyse zum 3:3 im Spitzenkampf zwischen dem FCSG und den Young Boys

Und dann steht in der Schlussminute Schiedsrichter Alain Bieri plötzlich im Fokus. Mit ihm der Videoschiedsrichter Sandro Schärer, der irgendwo in Volketswil vor dem Bildschirm sitzt und Bieri anweist, den von Lawrence Ati Zigi gehaltenen Handselfmeter der Young Boys wiederholen zu lassen.

Weil der Goalie der Ostschweizer nicht, wie es das Regelwerk vorschreibt, mit einem Fuss die Torlinie berührt. Die Emotionen kochen über im mit 19'024 Zuschauern ausverkauften Kybunpark. Die St.Galler verstehen die Welt nicht mehr, weil viele verschossene Penaltys so wiederholt werden müssten, sie umzingeln Bieri, und noch immer führen sie 3:2. Im zweiten Versuch trifft Guillaume Hoarau nun natürlich – 3:3.

Das Spiel ist aus und Alain Sutter, der sonst so besonnene Zeitgenosse, eilt an die vorderste Front zu Bieri – bemerkenswerterweise ein Berner –, der später sagt:

Dabei hat dieser im wahrsten Sinne des Wortes aufregende Spitzenkampf dieses Ende nicht verdient und der FC St.Gallen deutliche Vorteile: Er spielt wie ein Meisterkandidat. Aber es sind die nur körperlich überzeugenden Young Boys, die sich auf ihr starkes Sturmduo Jean-Pierre Nsame/Nicolas Moumi Ngamaleu verlassen können, unmittelbar vor der Pause nach seinem Doppelschlag der Partie eine erste Wende geben und den sich eingehandelten Rückstand in eine 2:1-Führung umwandeln.

Weil St.Gallen aber nicht aufsteckt, Ermedin Demirovic seinen Gegenspieler Jordan Lefort in der 73.Minute zu einem Eigentor «zwingt» und Lukas Görtler mit Beginn der Nachspielzeit für den FC St.Gallen das 3:2 per Kopf erzielt, sind die Szenen mit dem Handspenalty – notabene per VAR-Entscheid erst gegeben – überhaupt möglich und so entscheidend.

YB-Mittelfeldspieler Christian Fassnacht sagt später, der VAR sei nun halt da, mit dem Punktgewinn aber ist er nicht zufrieden. «Wir haben hohe Ambitionen, wollen Meister werden.» Und genau das ist der springende Punkt. So mir nichts dir nichts holt die Mannschaft von Trainer Gerardo Seoane in dieser Saison diesen Pokal nicht, weil sich der FC St.Gallen als ebenso aufmüpfiger wie hartnäckiger Gegner erweist. Und dahinter, mit fünf Punkten Rückstand, lauert auch noch der FC Basel.

Früher musste der Stadionsprecher im Espenmoos gefühlt bei jedem Heimspiel der Ostschweizer ausrufen, der Halter mit dem St.Galler Nummernschild so und so müsse dringend umparkieren. Und heute kommt für die Ligakrösusse Basel und Young Boys der FC St.Gallen nun wie ein Falschparker daher. Doch sein junger, schnittiger Wagen lässt sich irgendwie nicht so leicht wegbringen vom besten Platz, dem Sehnsuchtsort der Super League.

Weit in den Hintergrund rückt die aktuelle, spannende Tabellensituation damit auch die Diskussion um eine mögliche Modusänderung in der Super League, die vor allem aus dem Blickwinkel einer langweiligen, weil früh entschiedenen Meisterschaft entstanden ist.

Der St.Galler Stürmer Cedric Itten nennt die Punktverluste «sehr bitter», und die Berner müssen sich fragen, wie ihre Heimfahrt wohl ausgesehen hätte, würden sie jetzt Zweite sein mit drei Zählern Rückstand. Ob Seoane dann auch noch davon sprechen würde, «beste Werbung für den Schweizer Fussball erlebt zu haben»? Doch anstatt dass dieses Wahnsinnsspiel an sich das dominierende Thema ist, fragt sich nun die ganze Schweiz, was der VAR aus dem Fussball macht.

Fürs Erste verunmöglicht er, dass es mehr Nahrung gibt für ein immer realistischer werdendes Leicester der Schweiz, und wenn man die Worte von St.Gallens Trainer Peter Zeidler umdeuten will, dann kann man sogar meinen, als wollte der VAR dieses Leicester der Schweiz, diese Cinderella-Geschichte nicht; 2016 ist der englische Aussenseiter-Club ja Sensationsmeister der Premier League geworden. Zeidler jedenfalls sagt:

Fakt ist, dass St.Gallen den Bernern nach dem 2:3 und 3:4 in der Hinrunde nähergekommen und damit auf die nächste Stufe gelangt ist. Spätestens nach diesem 3:3 muss der Leader der Super League als ernstzunehmender Meisterkandidat gelten, der mit seiner Power und Juvenilität, mit seiner Euphorie im und rund um den Verein, mit seinem Zusammenhalt und Selbstvertrauen beeindruckt.

Favorit Nummer eins auf den Titel bleiben wohl aber weiter die verletzungsgeplagten, vom afrikanischen Element geprägten Young Boys. Nur schon wegen ihrer wirtschaftlichen Dominanz wären sie ein Meister der Logik, St.Gallen aber ist jetzt schon ein Meister des Herzens.

Die Abrechnung erfolgt am 21. Mai in Bern, wenn die Young Boys den FC St.Gallen im letzten Saisonspiel empfangen. Dabei wollten ihre Stadtpolitiker eine Finalissima im eigenen Stadion tunlichst vermeiden. Sie hatten da aber den FC Basel im Kopf. Und während weltweit krampfhaft ein Gegenmittel gegen das Corona-Virus gesucht wird, darf man getrost feststellen: Das Gegenmittel gegen St.Gallens Spassfussball, der allen Teams viele Probleme macht, hat auch YB (noch) nicht.

Football news:

Auf Wiedersehen, Papa Buba Diop. Dank dir habe ich unvergesslich gelebt das hellste Turnier meiner kindheit
Nunu über das 2:1 gegen Arsenal: Wir haben Super gespielt, sehr stolz. Jimenez hat sich nach dem Spiel am 10.Spieltag der Premier League gegen den FC Arsenal Nuno Espirito Santo zu einer Untersuchung geäußert. Er hat sich erholt. Ihm geht es gut, angesichts der schwere des Problems
Arsenal erzielte 13 Punkte in 10 spielen - das schlechteste Ergebnis seit 39 Jahren
West Bromwich kann von US-Investoren gekauft werden. Der chinesische Besitzer des Klubs will 150 Millionen Pfund
Lampard über Mourinhos Worte über das Pony: du hast Kane, Son, Bale und allie. Chelsea-Trainer Frank Lampard hat die Worte von Tottenham-Trainer José Mourinho kommentiert, dass die Spurs sich nicht für die Meisterschaft in der Premier League qualifizieren
Mourinho über den Sieg in der Premier League: Tottenham ist nicht im Rennen, weil wir kein Pferd sind, sondern ein Pony
Laurent Blanc: Ich gehe zurück in den Fußball, aber in die Kinder. Jetzt werden die Trainer gebeten, den Wert der Spieler zu erhöhen, ich mag es nicht