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Allein mit dem Dreigänger

Vor ein paar Jahren war ich wandern auf Mallorca. Ein Abendessen in einem feinen Restaurant mit Küstenblick sollte den Urlaub adeln. «Nur für eine Person?» Der Kellner blickte mich lange an. «Wollen Sie nicht doch zu zweit wiederkommen? Das wäre sonst», er hob die Schultern und sagte zögerlich: «schade um das schöne Essen. Aber natürlich kriegen Sie einen Tisch», schob er nach, «wenn Sie unbedingt wollen.»

Wem auch sonst alles egal ist, der reserviert nach so einer Rede trotzdem. Alle Übrigen rutschen rückwärts zur Tür und fühlen sich, als hätten sie gefragt, ob der Chef persönlich ihnen die Menüreste von den Tellern der Mittagsgäste abkratzen und einpacken könnte. Kostenlos natürlich.

Allein essen kostet Überwindung

Es gibt viele Gründe, warum Menschen allein essen gehen. Sie sind auf Geschäftsreise, machen allein Urlaub, wollen ihre Ruhe haben oder sich ganz auf den Genuss der Speisen konzentrieren. Oder sie haben schlicht keinen Esspartner. Nicht selten in einem Land, in dem jeder Fünfte allein lebt. Tatsächlich steigt die Zahl der Menschen, die allein essen gehen, von Jahr zu Jahr. Gemein dürfte den meisten sein, dass sie nicht irgendwie satt werden wollen.

Ich gehe nicht wahnsinnig gern allein in Restaurants, aber noch schlimmer finde ich es, nach einem auswärtigen Arbeitstag an einem zugigen Kebabstand zu stehen oder ein Curry ins Hotelzimmer mitzunehmen und dann zu merken, dass sich das Fenster nicht öffnen lässt. Ein schönes Essen am gedeckten Tisch kann selbst einen üblen Tag rehabilitieren. Also esse ich wacker allein, alle ein bis zwei Monate, mehrere Gänge, es soll schliesslich schön sein.

Die Alleinesser müssen selbstbewusster werden, die Restaurants sich mehr Mühe geben.

Das kostet Überwindung, aber fast immer lohnt es sich. Damit Solo Dining aber eine Erfolgsgeschichte wird, daran müssen wir noch arbeiten: Die Alleinesser müssen selbstbewusster werden, die Restaurants sich mehr Mühe geben. Heute ist der Hauptgewinn oft ein Tisch vor den Toiletten wie jener in einem Lokal in der Basler Innenstadt. Hätte ich nach einem Unterteller verlangen sollen, damit andere Gäste auf dem Weg zur Notdurft ein paar Münzen dalassen können? So schlagfertig ist man ja leider selten.

Essen ist sozialer Schmierstoff

Der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann definiert Essen in Gesellschaft als «erzwungene Annäherung». Man ist sich verdammt nah und muss das stundenlang aushalten. Wer allein isst, muss indes eine erzwungene Distanzierung ertragen, bei der viele Leute zuschauen. Das kann aufs Gemüt drücken. Der Psychologe Charles Spence von der Universität Oxford hat sich mit allen Facetten des Essens befasst. Sein Fazit: «Allein zu essen, macht weniger Spass als in der Gruppe; und wenn die Laune sinkt, schmeckt das Essen tatsächlich schlechter.»

Dass trotzdem die Zahl der Alleinessenden steigt, hat Spence zufolge damit zu tun, dass es einfach mehr Menschen gibt, die allein sind – und nun ein Smartphone haben. «Es lenkt uns davon ab, dass wir allein sind.» Viele scheuten sich trotzdem, allein essen zu gehen, sagt Spence. Weil wir einen Lokalbesuch nicht als reines Mittel der Nahrungszufuhr begreifen. Essen als sozialer Schmierstoff, das haben wir mit der Muttermilch aufgesogen. So verwundert es kaum, dass wir erst lernen müssen, wie man allein essen geht.

Wer allein isst, muss eine erzwungene Distanzierung ertragen, bei der viele Leute zuschauen.

Ein guter Kompromiss für den Alleingang sind die Community Tables, eigentlich eine Erfindung der Sharing-Economy, erdacht für Gruppen in Grossfamilienstärke, die ihr Brot in möglichst viele Schalen tunken wollen. Sogar viele Spitzenköche setzen längst auf Konzepte mit nur einem Tisch, meist kann man von dort direkt in die Küche sehen. Die grösste Klippe des Alleinessens wird an so einem Gemeinschaftstisch elegant umschifft: wohin gucken, wenn man aufs Essen wartet oder die Rechnung? Ständig aufs Handy ist ja keine Lösung. In der Küche ist immer etwas los.

Keine schnelle Nummer

Wer allein isst und sich das gerade leisten kann, sollte es zelebrieren. Nach dem schönsten Tisch verlangen und ausstrahlen, dass das keine schnelle Nummer wird. Eine Flasche Wein ordern, das Menü, Dessert, Käse. Und bitte reservieren, dann weiss das Restaurant Bescheid und kann sich überlegen, was der beste Platz ist – oder Buchungsprobleme vortäuschen, wenn es keine Lust hat, Zweiertische an Singles zu vergeben. Das kommt vor, ist aber okay, wenn man da dann nicht isst. Man will sich ja willkommen fühlen und nicht nur geduldet.

Eine andere Wahrheit ist: Das Soloessen ist für Frauen immer noch härter als für Männer. Im Reiseblog «Women on the Road» las ich sogar von einer Kriegsreporterin und einer Extrembergsteigerin, die es nie über sich bringen würden, allein essen zu gehen. Ich kann sie verstehen. Der Sozialpsychologe Hans-Peter Erb erinnerte kürzlich daran, dass in den Fünfzigern eine allein speisende Frau schnell im Verdacht stand, Prostituierte zu sein. Einerseits ist das lange her. Andererseits: Wer als Frau schon mal versucht hat, um 23 Uhr an einer Hotelbar einen Snack zu bestellen, fühlt sich schnell wie in der Zeitmaschine.

Alleinessende sind Ehrengäste

Es gibt aber durchaus Restaurants, die exzellent sind im Umgang mit Alleinessern. Die schnell erkennen, ob man ein Gast ist, der auch gerne über das Wetter redet, oder ob man in Ruhe speisen möchte. Manche spüren sogar, wenn man ermuntert werden will. In einem Restaurant in Bern bat ich nach einem blöden Tag um einen Tisch in der Ecke, die freundliche Bedienung gab mir einen mitten im Raum: «Glaub mir, ist schöner.» Und so war es. Der Service schaffte es, ein dreistündiges Degustationsmenü mit ausführlichen, aber nie aufdringlichen Kommentaren zur kurzweiligen Rast zu machen.

Das Soloessen ist für Frauen immer noch härter als für Männer.

In solchen Restaurants werden Alleinspeisende nicht wie Schwerstpflegefälle behandelt, sondern wie Ehrengäste. Das New Yorker Lokal Dirt Candy zum Beispiel serviert am Valentinstag ein Menü nur für Singles. In Amsterdam gab es das Eenmal, ein Pop-up-Restaurant nur mit Einzeltischen. Der «Gastronomie-Report» stellte soeben den Sieger des Wettbewerbs «Das Restaurant der Zukunft» vor. Gewonnen hatte das Konzept «Eremitage», bei dem Singles in Einzelboxen an einem langen Tisch sitzen, ähnlich wie in den südkoreanischen Honbap-Lokalen.

Das ist viel Zukunftsmusik. Bis die Zahl der Einzelreservierungen sich aus dem einstelligen Prozentbereich bewegt, wird es noch dauern. Und bis dahin kann man gewöhnungsbedürftige Erfahrungen machen – aber auch tolle.