Switzerland

Alex Wilson hat seinen Trainer verloren und sagt: «Jetzt ist nicht die Zeit für grosse Sprüche»

Der schnellste Sprinter der Schweiz ist überzeugt, dass ihm die lange Wettkampfpause gutgetan hat. Nun muss es ohne seinen Trainer weitergehen, der ihm sehr nahe stand und vor kurzem gestorben ist.

Alex Wilson fühlte sich letzte Saison wie ein Raubtier, das losspringen wollte, aber im Käfig eingesperrt war.

Alex Wilson fühlte sich letzte Saison wie ein Raubtier, das losspringen wollte, aber im Käfig eingesperrt war.

Alexandra Wey / Keystone

Es wäre verständlich, wenn Alex Wilson zum grossen Lamento ansetzen würde. Zuerst wurden im letzten Frühling wegen Corona alle Wettkämpfe abgesagt. Er fühlte sich wie ein Raubtier, das losspringen wollte, aber im Käfig eingesperrt war. Und als das Gitter endlich geöffnet wurde, die ersten Rennen stattfanden, musste sich der schnellste Schweizer Sprinter in ungewohnter Langsamkeit üben.

Fast schon chronisch hatte er in der Vergangenheit unter Hüftschmerzen gelitten, nun, als genug Zeit für genauere Untersuchungen war, stellte sich heraus, dass Leistenbrüche dafür verantwortlich waren. Wilson liess sich operieren, später kam ein Eingriff wegen einer Knochenabsplitterung an einer Hand dazu. Längst waren da die Olympischen Spiele und die Leichtathletik-EM verschoben oder abgesagt.

«Ein gewonnenes Jahr»

Eine Saison ohne einen einzigen Wettkampf und zu einem wesentlichen Teil auch ohne richtiges Training, das klingt nach einem verlorenen Jahr. Doch der 30-Jährige ist anderer Meinung. «2020 war ein gewonnenes Jahr», sagt er an diesem kalten Morgen im Bauch des Basler Schützenmatte-Stadions, wo auf einer Indoor-Sprintbahn trainiert werden kann. Zum ersten Mal seit über einem Jahrzehnt nahm sich Wilson die Zeit, die sein Körper brauchte. Sonst musste oder wollte er sich nach einer Verletzung immer mit dem Comeback beeilen.

«Die Gefahr ist dann gross», sagt Christian Oberer, sein langjähriger Heimtrainer, «dass man zu früh wieder einsteigt und die Verletzung nicht richtig ausheilt.» Das sei dieses Mal anders gewesen. Wilson konnte guten Gewissens pausieren. «Seien wir ehrlich», sagt Oberer, «viel verpasst hat er nicht in diesem doch sehr speziellen Jahr.»

Wilson nutzte die Pause auch für sein Gemüt – und machte es wie Roger Federer. Er verbrachte mit seiner Frau und den zwei kleinen Söhnen so viel Zeit wie noch nie in einem Sommer. Zu Hause fabrizierte er in der Küche ausgeklügelte Menus, die einem Fünf-Sterne-Koch gut angestanden hätten. «Es fühlte sich grossartig an», sagt Wilson. Er konnte abschalten, die Leichtathletik war weit, weit weg.

Im Herbst nahm er das Training auf. «Ich bin Sprinter von Beruf, irgendwann muss ich wieder raus in die Wildbahn.» Wilson flog für sechs Wochen nach Jamaica, in seine Heimat, wo er in einer Trainingsgruppe mit Yohan Blake schuftete; der Weltmeister von 2011 ist mit einer Zeit von 9,69 Sekunden über 100 Meter der zweitschnellste Mann der Geschichte. «Das motiviert natürlich», sagt Wilson, «wenn man sieht, dass man mithalten kann.» Stolz zeigt er auf seinem Smartphone ein Video, in dem sich die beiden über die Distanz von 500 Metern über die Laufbahn mühen – und am Ende gleichauf ins Ziel laufen.

Eigentlich hätte Alex Wilson nun nach der Festtagspause wieder in Kingston weilen sollen. Daraus wurde vorerst nichts – aus traurigem Grund. Sein Headcoach Lloyd Cowan starb vor Wochenfrist mit erst 58 Jahren an Covid-19. Wilson will an der Beerdigung dabei sein. Cowan stand ihm sehr nahe, begleitete ihn oft in Trainingslager und an Wettkämpfe. «Er war ganz klar der Gamechanger in meiner Karriere.»

2016 befand sich Wilson in einem Loch: Die Olympischen Spiele hatte er um eine Hundertstelsekunde verpasst, leistungsmässig stagnierte er. Also rief der Basler seinen Landsmann Cowan an, der ihn zu einem Vorstellungsgespräch nach London einlud. «I try my best – ich versuche mein Bestes», sagte Wilson, Cowan erwiderte: «Your best is good enough.» Sein Bestes sei gut genug.

Wilson unterscheidet zwischen Trainern, die vor allem interessiert, dass der Lohn pünktlich Ende Monat auf dem Konto ist, und Coaches, die sich wirklich mit dem Athleten beschäftigen, und zwar auf allen Ebenen. Cowan gehörte zur zweiten Kategorie und hatte von Anfang an einen Plan für Wilson im Kopf.

Als dieser nach ein paar Monaten der Zusammenarbeit zu Beginn der Saison 2017 trotz 3,8 Sekunden Rückenwind für die kurze Sprintdistanz 10,43 Sekunden benötigte, ging er wütend zum Cheftrainer und stellte alles infrage. Cowan hörte sich Wilsons Beschwerde an und zeigte dann auf die anderen Athleten der Trainingsgruppe: Alle waren Spitzenzeiten gelaufen, einige von ihnen hatten gar eine persönliche Bestzeit erzielt.

«Du solltest weniger reklamieren», gab er ihm zu verstehen, «und mit der frei werdenden Energie lieber härter trainieren.» Wilson nahm die Kritik an, die Resultate sind bekannt: Er verbesserte die Schweizer Rekorde über 100 Meter (10,08 Sekunden) und 200 Meter (19,98) und gewann an den EM 2019 in Berlin mit Bronze die erste Schweizer Sprintmedaille seit vier Jahrzehnten.

Ein Konkurrent, der giftete

Den Trainingsplan für die neue Saison hat Cowan zwar noch geschrieben, sonst ist jedoch vieles offen. Sicher ist nur, dass Wilson mit Cowans Co-Trainer Clarence Callender weiterarbeiten wird. Wann und wo der Sprinter sein Comeback gibt, ist ebenso unklar wie der weitere Verlauf der Saison. Auch er fragt sich: Finden die Olympischen Spiele statt? Oder werden wie im vergangenen Jahr «nur» die Schweizer Meisterschaften zum Saison-Höhepunkt?

An diesen hat Wilson noch eine Rechnung offen, wie er sagt. Während er die Zeit abseits des Rampenlichts genoss, zogen die Konkurrenten durch starke Leistungen und markige Worte die Aufmerksamkeit auf sich. Silvan Wicki giftete gegen den Rekordhalter Wilson: «Er mag es mir nicht gönnen und ich es ihm auch nicht.» Das will Wilson zwar nicht auf sich sitzen lassen, aber er sagt: «Jetzt ist nicht die Zeit für grosse Sprüche.» Das Raubtier hält sich noch im Zaum.

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