Switzerland

Albtraumschiffe

Wo und warum in Zeiten der Corona-Krise immer noch Kreuzfahrtschiffe unterwegs sind

Die Kanadier Chris und Anna Joiner sendeten am 27. März diesen Hilferuf von der MS «Zaandam».

Die Kanadier Chris und Anna Joiner sendeten am 27. März diesen Hilferuf von der MS «Zaandam».

Chris Joiner / X80001

Am 7. März, als das Coronavirus in Europa schon voll zugeschlagen hatte, machten sich über tausend Touristen – unter ihnen zehn Schweizer, 80 Deutsche, 200 Briten und 311 Amerikaner – auf eine Kreuzfahrt um die Südspitze Südamerikas mit der MS «Zaandam» der niederländischen Reederei Holland America Line. Die Horrorgeschichten von der «Diamond Princess», jenem Kreuzfahrtschiff vor Yokohama, das zu einem Epizentrum der Pandemie geworden war, hatten sie offensichtlich nicht abgeschreckt. Schon eine Woche nach ihrer Abfahrt wollten die Veranstalter die Reise aber abbrechen. Doch kein Hafen liess sie mehr anlegen. Schliesslich konnte das Schiff am 2. April in Florida landen. Inzwischen hatte sich aber die Krankheit auf dem Schiff ausgebreitet. Vier Passagiere sind gestorben, neun Personen wurden positiv auf das Virus getestet, und Hunderte leiden an grippeähnlichen Symptomen.

Das Tagebuch des Schreckens der MS «Zaandam»

7. März: Die MS «Zaandam» startet in Buenos Aires mit 1243 Passagieren und 586 Besatzungsmitgliedern. Ziel ist der chilenische Hafen San Antonio, 120 Kilometer westlich von Santiago, den das Kreuzfahrtschiff am 21. März erreichen will. Vier Tage vor der Abreise melden Argentinien und Chile die ersten Corona-Fälle.

14. März: Angesichts der sich zuspitzenden Corona-Krise will die MS «Zaandam» die Reise im Hafen von Punta Arenas im äussersten Süden Chiles vorzeitig abbrechen. Die Reisenden und Besatzungsmitglieder sollen von hier in ihre Heimatländer zurückfliegen. Doch das Schiff erhält keine Landeerlaubnis.

15. März: Der chilenische Präsident Sebastián Piñera kündigt die Schliessung sämtlicher Häfen des Landes an.

21./22. März: Die MS «Zaandam» ankert vor dem Hafen von Valparaíso im Zentrum von Chile und wird mit Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten versorgt. Zuvor traten bei 13 Reisenden und 29 Besatzungsmitgliedern die ersten Krankheitsfälle mit Symptomen von Covid-19 auf. Es gibt aber an Bord keine Test-Kits. Die chilenischen Behörden erlauben zehn besonders gefährdeten Personen mit chronischen Krankheiten, das Schiff zu verlassen.

23./24. März: Die MS «Zaandam» ist jetzt vor Peru. Sie bekommt aber auch hier keine Landeerlaubnis. Schiffe mit Personen, die von einer Epidemie betroffen sind oder an infektiösen Krankheiten leiden, dürfen nicht anlegen, so die Behörden. Die Reederei schickt ein zweites Kreuzfahrtschiff, die MS «Rotterdam», mit 611 Besatzungsmitgliedern und ohne Touristen, welches die MS «Zaandam» versorgen soll und Corona-Test-Kits mitbringt.

27. März: Die beiden Kreuzfahrtschiffe treffen sich vor der Küste Panamas. Inzwischen sind vier Passagiere auf der MS «Zaandam» gestorben. 53 Passagiere und 85 Besatzungsmitglieder melden Corona-ähnliche Symptome. Bei mindestens zwei Passagieren resultierte der Corona-Test laut dem Kreuzfahrt-Unternehmen positiv. Die beiden Schiffe wollen nun durch den Panamakanal nach Fort Lauderdale in Florida weiterfahren und dort Passagiere und Besatzung ausladen. Noch am selben Tag verbieten die panamaischen Behörden die Durchfahrt durch den Kanal. Die Weiterfahrt ist blockiert.

28. März: Vor der panamaischen Küste werden 401 gesunde Passagiere von der MS «Zaandam» mit kleinen Booten auf das Schwesterschiff umgeladen. Auf dem Ersteren wird mehr Platz für Quarantäne und Behandlung geschaffen.

29. März: Die Behörden lenken schliesslich ein und gestatten den beiden Schiffen die Durchfahrt durch den Panamakanal, «aus humanitären Gründen», wie sie erklären. Es ist aber allen Passagieren und Besatzungsmitgliedern strengstens verboten, das Schiff zu verlassen.

30. März: Die beiden Schiffe haben erfolgreich den Panamakanal passiert und befinden sich jetzt in der Karibik. Doch es gibt erneut schlechte Nachrichten. Der Bürgermeister von Fort Lauderdale will seinen Hafen nicht zur Verfügung stellen: «Wir können unsere Bürger nicht diesem Risiko aussetzen, wir haben schon jetzt eine sanitäre Notlage.»

2. April: Nach einer Intervention von Präsident Trump erhalten die beiden Schiffe doch Landeerlaubnis in Fort Lauderdale. Die Passagiere dürfen endlich an Land gehen. 45 Kranke, die nicht reisefähig sind, bleiben aber an Bord und werden dort bis zu ihrer Genesung isoliert.

Von Anfang an hatte sich das Coronavirus auch auf Schiffen ausgebreitet. Für viele Häfen war es einfacher, den vielleicht infizierten Reisenden das Aussteigen zu verbieten, als sie aufzunehmen und auf Land in Quarantäne zu schicken. Dabei ist bekannt, dass sich Infektionen unter den dichtgedrängten Passagieren eines Kreuzfahrtschiffs sehr leicht ausbreiten. Die NZZ vertiefte das Thema im Zusammenhang mit der «Diamond Princess», die im Hafen von Yokohama vor Tokio andockte.

Kreuzfahrtschiffe mit auf das Coronavirus positiv getesteten Personen an Board

Seit dem 19. Januar bis zum 30. März 2020

Kreuzfahrtschiffe mit auf das Coronavirus positiv getesteten Personen an Board - Seit dem 19. Januar bis zum 30. März 2020

Die «Diamond Princess» ist mit über 700 Infizierten und acht Toten immer noch der grösste Ausbruch von Corona auf einem Kreuzfahrtschiff. Aber es kommen neue Tragödien dazu: Gut die Hälfte der in Australien registrierten Corona-Fälle kommen von der «Ruby Princess» (Nummer 25 in der Grafik unten). Das Schiff legte am 19. März in Sydney an, und 2700 Personen verliessen das Schiff ohne jede Kontrolle – obwohl mehrere Personen an Bord positiv auf das Virus getestet worden waren. Mehr als 400 von ihnen sind seitdem erkrankt. Die Crew der «Ruby Princess» harrt immer noch isoliert auf dem Schiff aus, auch unter den Mitarbeitern verbreitet sich die Krankheit.

Eigentlich hatte Australien allen fremden Kreuzfahrtschiffen das Anlegen verboten, aber gerade für die «Diamond Princess» und drei weitere Schiffe, die unterwegs waren, hatte man eine Ausnahme gemacht.

Auch der dritte grosse Ausbruch von Covid-19 auf einem Kreuzfahrtschiff betrifft eine Einheit der Princess-Reederei: Die «Grand Princess» liegt schon seit Anfang März vor San Francisco in Quarantäne. 130 Passagiere und Crewmitglieder erkrankten. Die vier Schweizer, die an Bord waren, holte das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten heim.

Wie in vielen Ländern kamen auch für die Seefahrt die Einschränkungen erst, als die Corona-Krise schon relativ weit fortgeschritten war. Das Zentrum für Seuchenkontrolle und -prävention der USA (CDC) hat Kreuzfahrtreedereien gebeten, am 14. März die Fahrten einzustellen. Inzwischen haben alle Reedereien ihre Kreuzfahrttätigkeit unterbrochen und versuchen, ihre Passagiere an Land zu bringen, so dass sie heimreisen können. Wie eingangs beschrieben, ist das aber gar nicht so einfach. Die Absagen kommen die Firmen teuer zu stehen. Zu den Fixkosten kommen die Gebühren für das Ausharren im Hafen noch dazu. Viele Mitarbeiter wurden schon entlassen.

Die Carnival Corporation, die Mutterfirma von Princess, hat angeboten, ihre stillgelegten Schiffe zur Verfügung zu stellen, um Notspitäler einzurichten. Die Aktie des Unternehmens ist seit Anfang des Jahres um 75 Prozent eingebrochen. Würde der Kreuzfahrtkonzern zum Jahresende rote Zahlen schreiben, wäre das ein Novum. Bisher löste nicht einmal der Untergang der «Costa Concordia» – auch diese gehörte dem Konzern – einen Verlust aus.

Gegenüber der Presse zeigen sich die Sprecher der Kreuzfahrtindustrie zuversichtlich, dass diese Krise bald überwunden sein wird. Aber an die gespenstischen Bilder von Quarantäneschiffen wird man sich noch einige Zeit erinnern.

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