Switzerland

Alain und wie er die Welt sieht

Ob Interesse an einem Interview mit dem kleinwüchsigen Darsteller «Lucid Allan» bestehe, «zum Beispiel zum spannenden Thema positive Diskriminierung». Die Anfrage kommt vom Millers – dort nämlich, im Kulturhaus im Seefeld, steht der Künstler als Mitglied des schrägen Variétés Salon Morpheus ab morgen auf der Bühne. Zuerst ist da Skepsis. Wohl auch, weil das geistige Auge bereits potenzielle Trollkommentare liest: «Jetzt muss der Tagi schon Zwerge vorführen, um Quote zu machen!» Zum Glück meldet sich umgehend der gesunde Menschenverstand: «Wyss, gahts no?» Stimmt. Ab an die Recherche.

Im Januar 2016 publiziert die «Neue Oltner Zeitung» (NOZ) unter dem Titel «Kleiner Mann ganz gross» einen ausführlichen Artikel über Alain Bader, wie der heute 30-Jährige bürgerlich heisst. Im Text ist zu erfahren, dass er an Geleophysischer Dysplasie leidet, einer Kleinwuchsform, die weltweit bei weniger als 30 Menschen bekannt ist. Dass sein Sehvermögen bloss noch zwei Prozent betrage, er aber Fussball dennoch gern im Stadion miterlebe; sein Bruder gebe dabei den Livereporter.

Im Kugelstossen Silbermedaille gewonnen

Sport ist auch das Hauptmotiv der Geschichte: Bader, schreibt die NOZ, habe sich zum Ziel ­gesetzt, 2017 als Leichtathlet an den World Dwarf Games – das sind die Olympischen Spiele für Kleinwüchsige – im kanadischen Guelph mitzumachen. Dafür benötige der Psychologiestudent teure Spezialausrüstung, für welche die IV nicht aufkomme, es stünden zudem Reise- und Unterkunftskosten an. Weil das mit dem Studi-Budget niemals zu stemmen ist, startet die Zeitung eine Sammelaktion.

Dass sie gefruchtet hat, ist einem NOZ-Artikel vom September 2017 zu entnehmen. Der Olympionike konnte schliesslich mit den Eltern, dem Bruder und dessen Freundin nach Kanada reisen. Als Schweizer One-Man-Team durfte er bei der Eröffnungsfeier die Flagge ins Stadion tragen. Und auch sportlich lief es rund: Im 100-Meter-Lauf ist er «eine grossartige Zeit» gerannt, im Kugelstossen hat er gar die Silbermedaille gewonnen.

«Seither bin ich 117 Zentimeter gross»

Nach dieser Lektüre ist die Neugier angefixt. Kommt hinzu, dass positive Diskriminierung medial erstaunlicherweise noch wenig Echo auslöste. Dabei beschreibt das Phänomen gesellschaftspolitische Massnahmen, die der negativen Diskriminierung entgegenwirken sollen, indem sozial benachteiligten Gruppen gezielt Vorteile gewährt werden – was je nach Situation auch wieder diskriminierend wirkt.

Als Schweizer
One-Man-Team durfte er die Flagge ins Stadion tragen, und auch sportlich lief es rund.

So viel zur Theorie. Der praktische Teil, also das Interview, findet dann anlässlich der Proben im Foyer des Millers statt. Das Erste, was mir beim Reinkommen entgegenspringt, ist ein munterer Labrador. Kurz darauf ruft jemand: «Dexter, hierher», et voilà, schon steht er da, Alain Bader, cool gestylt mit grauem Schlabberpulli, Jeans und schwarzen Tretern.

Er nimmt seinen Blindenhund an die Leine, wir drücken uns die Hand, wobei er sich entschuldigt und sagt, die Krankheit schränke die Beweglichkeit der Gelenke ein, das sei für andere bei der Begrüssung manchmal etwas komisch. Dann setzen wir uns im Foyer an den Salontisch und plaudern los. Er erzählt von der beschaulichen Kindheit im Dorf, «ich war ja schon im Kindergarten der Kleinste, aber ich wurde deswegen nie ausgelacht oder gehänselt». Von den Eltern, die das total gut machten, weil sie stets ehrlich waren. «Wenn ich zum Beispiel einen utopischen Berufswunsch wie Feuerwehrmann äusserte, haben sie versucht, mir eine Alternative aufzuzeigen, die für mich machbar wäre – in dem Fall ein Bürojob bei der Feuerwehr.» Vom endgültigen Wachstumsstopp im Alter von 21, «seither bin ich 117 Zentimeter gross. Oder klein, wie man es nimmt.»

Im Bühnen-Outfit: Alain Bader und seine Kollegen. Foto: PD

Es folgt ein schelmisches Lachen, es passt zum Gespräch, das sich weder befangen, verkrampft noch sonst wie eigenartig anfühlt, sondern ziemlich «locker vom Hocker» vonstattengeht. Nächstes Thema ist das Studium, er verzieht das Gesicht. «Leider habe ich das irgendwann nicht mehr geschafft, energetisch wie psychisch.» Nach drei Semestern gönnte er sich eine Pause, an die Uni zurückgekehrt ist er seither nicht mehr. Dafür hat er als 40-Prozent-Bürokraft im Blumengeschäft der Grosseltern den für ihn perfekten Job gefunden. Auch, weil so genügend Zeit für den Sport bleibt – und zwar als Athlet («Ich möchte unbedingt an den World Dwarf Games 2021 teilnehmen, und da auch die 200 Meter gut laufen») wie auch als Konsument. «Von welchem Fussballteam sind Sie Fan, Herr Bader?»?–?«Wir sind in Zürich, ich weiss nicht, ob ich das hier sagen darf.»?–?«In Zürich darf man fast alles sagen.»?–?«Es ist der FC Basel.» – «Das ist etwas vom wenigen, was nicht geht.»

Beide grinsen, und schon sind wir beim jüngsten Superbowl, und ich will wissen, wie man sich mit zwei Prozent Sehvermögen American Football anschauen kann, und er sagt, indem man 20 bis 30 Zentimeter vor dem Bildschirm sitze, «ich kann räumliche Verhältnisse intuitiv ziemlich gut einschätzen, auch in der Stadt oder auf der Bühne». Ob er als Schauspieler kleinwüchsige Vorbilder habe, lautet die nächste Frage, er strahlt und nennt Peter Dinklage, «seine Ausstrahlung ist faszinierend, vor allem in der Rolle des Tyrion Lennister in ‹Game of Thrones›».

Vorbild von Bader: Peter Dinklage in der Rolle als Tyrion Lennister. Foto: Keystone

Nicht nur Opfer, auch Täter

Bald reden wir über seine Vorliebe für Bands wie Offspring und Green Day oder dass er früher mit Freunden rege durch Bars gezogen sei. Dabei merke ich, dass trotz aller Lockerheit der Dreh nicht gelingt, zum Diskriminierungsthema vorzustossen. Offenbar merkt Bader das auch, und so sagt er irgendwann: «Es gibt keine Tabus, Sie können mich alles fragen. Oder besser du, das macht es einfacher.» Was danach folgt, ist das nun wiedergegebene, atemlose Hin und Her.

«Warst du selbst Opfer positiver Diskriminierung?–«Zuerst war ich Täter, nicht Opfer.»– «Bitte?»–«In der Primarschule gewährten mir Lehrer und Mitschüler alle Freiheiten. Ich habe das ausgenutzt, pausenlos Blödsinn gemacht. Heute schäme ich mich dafür. Aber ja, ich war auch schon Opfer. Indirekt.»–«Wie indirekt?»–«Meine Freunde haben gehört, wie Besucher unserer Show sagten, man sollte mir das besser nicht antun.»–«Verletzt dich eine solche Aussage?» –«Sie macht mich eher wütend. Ich fühle mich bevormundet, da ich ja selbst weiss, was ich will und was nicht, wo meine Grenzen liegen.»–«Wo liegen sie?»– «Im neuen Stück mime ich unter anderem einen Gartenzwerg, ziehe diese Klamotten dann aber aus und zeige damit: Es ist nur ein Spiel, ich bin ich. Solange das soist, ich nur das Klischee des Freaks darstelle, ist das okay.»– «Weshalb stören sich Menschen überhaupt daran?»–«Darauf gibt es glaub keine allgemeingültige Antwort.»

Durchatmen. Und plötzlich reden wir über Angst, Unzufriedenheit. Er erzählt, wie er vor ein paar Jahren in eine Lebenskrise schlitterte, mit seinem Schicksal haderte, einfach nicht mehr mochte. «Die Eltern und meine Freunde haben mir in dieser Phase gezeigt, wie wichtig ich ­ihnen bin, gerade weil ich so bin, wie ich bin. Da hab ich entschieden: Nein, ich will kein grantiger Zwerg werden!» Seit da sei er wie verwandelt. Er schätze sein abwechslungsreiches Leben und sei stolz, dass er einen eigenen Haushalt führen könne?–?«zwar als Single, doch das hat ja auch gewisse Vorteile.»

Alain und wie er die Welt sieht. Als wir uns wieder die Hand drücken, denke ich: An Tagen wie diesen ist Journalismus der tollste Job der Welt.