Switzerland

Aggressiver Nationalismus führte im Juli 1870 zum Krieg zwischen Nachbarn

Vor 150 Jahren begann der Deutsch-Französische Krieg. Er brachte nicht nur den ersten deutschen Nationalstaat und die Dritte Französische Republik hervor. Der Konflikt vergiftete auch das Verhältnis zwischen den beiden Nachbarländern – und wies in mancher Weise aufs 20. Jahrhundert voraus.

In einer Reihe von Schlachten feierte die preussisch-deutsche Armee rasche Erfolge über die Franzosen. Im Herbst 1870 entwickelte sich der Bewegungskrieg aber zu einem zähen Stellungskrieg.

In einer Reihe von Schlachten feierte die preussisch-deutsche Armee rasche Erfolge über die Franzosen. Im Herbst 1870 entwickelte sich der Bewegungskrieg aber zu einem zähen Stellungskrieg.

Imago

Der Sommer schien entspannt. Wie jeden Sommer kurte Preussens König Wilhelm I. auch 1870 im mondänen Badeort Ems an der Lahn. Vincent Graf Benedetti, Frankreichs Botschafter in Preussen, trat am Vormittag des 13. Juli auf der Kurpromenade an den König heran, sprach mit ihm und ging wieder seines Weges. Wohl niemand hätte geahnt, dass diese harmlos wirkende Szene zwei Tage später zum Anlass für einen sechsmonatigen Krieg werden würde, der das Antlitz Europas dauerhaft verändern sollte. Denn die Sommeridylle trog.

Von der Öffentlichkeit unbemerkt, hatte sich seit Februar 1870 eine diplomatische Krise aufgebaut, die aus heutiger Sicht operettenhaft wirkt. Prinz Leopold von Hohenzollern, Spross einer katholischen Nebenlinie der Preussen regierenden Hohenzollern-Dynastie, sollte den vakanten spanischen Königsthron übernehmen. Seine diskret eingefädelte Thronkandidatur war Anfang Juli an die Öffentlichkeit gedrungen und löste eine Welle chauvinistischer Erregung in Frankreich aus. Wie im 16. und im 17. Jahrhundert durch Habsburg drohe Frankreich nun durch die in Spanien und am Rhein regierenden Hohenzollern eine tödliche Umklammerung. Das war unter den Gegebenheiten des 19. Jahrhunderts zwar völliger Unsinn, doch viele wollten ihn glauben. Wie war es dazu gekommen?

Als zwei unter Volldampf aufeinander zurasende Züge nahm der Publizist Lucien-Anatole Prévost-Paradol Deutschland und Frankreich schon 1868 wahr. Ihr Zusammenstoss lasse sich nach «diversen Ausweichversuchen» nicht mehr verhindern, so dass «Ströme von Blut und Tränen» fliessen würden. Dabei war Napoleon III., Kaiser der Franzosen und Neffe des grossen Korsen, keineswegs antipreussisch eingestellt. Otto von Bismarck, damals noch preussischer Gesandter in Paris, erhielt Ende Juni 1862 «die unzüchtigsten Bündnisvorschläge» von Napoleon, denn dieser war «ein eifriger Verfechter deutscher Einheitspläne, nur kein Österreich darin».

Tatsächlich tat Frankreich alles, um Habsburg zu schwächen. 1859 hatte es Italien geholfen, die habsburgische Herrschaft in der Lombardei zu beenden, und 1866 Preussens Triumph über Österreich zugelassen. «Wir sind in Sadowa geschlagen worden», so zürnte darob Frankreichs Kriegsminister Jacques-Louis Randon; die Forderung nach der «Revanche pour Sadowa» wurde als Ziel französischer Politik zum geflügelten Wort. Zu der sich nun formierenden «Kriegspartei» gehörte der Kaiser selbst zwar nicht, aber auch er fühlte sich von Bismarck betrogen, denn er erhielt keine Kompensationen für sein Stillhalten 1866. Der Erwerb des Grossherzogtums Luxemburg, das der König der Niederlande an Frankreich verkaufen wollte, scheiterte im Frühjahr 1867 kläglich. Die antipreussische Stimmung wuchs.

Graf Gramont, frisch gekürter Aussenminister, nutzte das Bekanntwerden der hohenzollerschen Thronkandidatur in Spanien am 6. Juli 1870 schliesslich für eine aufpeitschende Rede in der Deputiertenkammer, in der er unverhohlen mit Krieg drohte. Benedetti wurde nach Ems geschickt. Zwar hatte Prinz Leopold inzwischen einen Rückzieher gemacht, doch nun sollte der Botschafter dem preussischen König den Verzicht auf eine hohenzollersche Thronkandidatur für alle Zukunft abringen. Dieses Ansinnen aber lehnte Wilhelm I. am 13. Juli auf der Kurpromenade ab.

Bismarcks zynische Rechnung

Doch auch Kanzler Bismarck war auf der Suche nach einem Kriegsgrund. Nachdem Österreich aus Deutschland herausgedrängt und alle Staaten nördlich des Mains 1867 im preussisch dominierten Norddeutschen Bund zusammengefasst worden waren, steckte seine Politik in einer Sackgasse. Denn ein Zusammenschluss mit den süddeutschen Staaten war weiterhin nicht absehbar.

Badens Grossherzog Friedrich lehnte sich zwar eng an Preussen an, doch grosse Teile der Bevölkerung hier wie in Hessen-Darmstadt, vor allem aber in Württemberg und Bayern, fürchteten weiterhin nichts mehr als die «Verpreussung». Ihre Souveräne wiederum bangten um ihre Eigenständigkeit. Die preussische Annexion des Königreichs Hannover und anderer Gebiete 1866 diente als Menetekel: Wer nicht spurte, wurde geschluckt. In Preussen drohte das Wiederaufleben des Verfassungskonflikts von 1862, doch auch die Regierungen der süddeutschen Staaten gerieten unter wachsenden innenpolitischen Druck. Da schien ein Krieg ein probates Mittel zu sein, um den Zwist im Inneren zu überwinden.

Bismarck wollte keinen Krieg als Selbstzweck, aber er war für ihn selbstverständliches Mittel der Politik. Daher betrieb er die spanische Thronkandidatur des Hohenzollern-Prinzen: Sie eröffnete die Chance, einen Verteidigungskrieg zu inszenieren. Diese zynische Rechnung ging auf, und der Zwischenfall auf der Emser Kurpromenade erwies sich als ideales Mittel zum Zweck. Bismarck redigierte den ihm am Abend des 13. Juli nach Berlin gesandten Bericht über Wilhelms Absage an Benedetti und spitzte die veröffentlichte Fassung so zu, dass sie als Angriff auf die «Ehre Frankreichs» verstanden werden konnte – und wurde.

So wurde die «Emser Depesche» zum Anlass eines blutigen Kriegs, weil für beide Länder angeblich die «nationale Ehre» auf dem Spiel stand. Immerhin: Adolphe Thiers, schon lange ein scharfer Kritiker von Napoleons unsteter und despotischer Herrschaft, hatte beständig vor einem Krieg gewarnt, und Gustave Flaubert beklagte «die Dummheit meiner Landsleute. Das schreckliche Gemetzel hat nicht einmal einen Vorwand.» Doch nur zehn Abgeordnete stimmten am 15. Juli in der französischen Deputiertenkammer gegen die Gelder für den Krieg, den Frankreich Preussen schliesslich am 19. Juli erklärte. Im Reichstag des Norddeutschen Bundes sah es nicht besser aus: Dort verweigerten nur die beiden Vertreter der noch jungen Arbeiterbewegung, August Bebel und Wilhelm Liebknecht, die Zustimmung zu den Kriegskrediten.

«Beispiellos rasche Erfolge»

Die französische Berufsarmee war kampferprobt und galt als die beste Europas. Ihre Gewehre waren den preussischen überlegen, und auch auf der Mitrailleuse, einer Vorform des Maschinengewehrs, ruhten grosse Hoffnungen. Doch die Artillerie war der preussischen klar unterlegen, und vor allem organisatorisch hinkte Frankreich hinterher. Zwar verlief auch der preussische Aufmarsch keineswegs reibungslos, doch in Frankreich waren die Planungen derart umständlich, dass der vermeintliche Zeitvorteil einer Berufsarmee gegenüber einer Wehrpflichtarmee bei der Mobilisierung vertan wurde.

In den letzten Julitagen standen daher erst 330 000 französische den 520 000 deutschen Soldaten zwischen Saarbrücken und Basel gegenüber. Ein Versuch Frankreichs, über Saarbrücken an den Rhein und von dort weiter ostwärts vorzustossen, scheiterte kläglich. Der Rest des Kriegs fand daher in Frankreich statt. Diesen hätte man siebzig Jahre später wohl als Blitzkrieg bezeichnet: In einer Reihe von Schlachten besiegte die preussisch-deutsche Armee die französische, weil es ihr trotz eklatanten Führungsfehlern immer wieder gelang, im entscheidenden Augenblick mit überlegenen Kräften anzugreifen oder durch grössere Entschlossenheit selbst in Unterzahl zu siegen.

«Unsere beispiellos raschen und grossen Erfolge haben fast etwas Erschreckendes an sich», so der über das schier grenzenlose Glück der deutschen Armee irritierte preussische Kronprinz und spätere «99-Tage-Kaiser» Friedrich III. Die Schlachtfelder wurden zu Erinnerungsorten: Weissenburg, Wörth, Spichern, Vionville, Mars-la-Tour und vor allem Sedan. Denn in der Festungsstadt an der Maas, dicht an der Grenze zu Belgien, gingen am 2. September nicht nur 100 000 französische Soldaten in Gefangenschaft, sondern auch ihr Kaiser. Nach den Regeln der Kabinettspolitik wäre der Krieg nun zu Ende gewesen, zumal weitere 180 000 Soldaten in Metz eingeschlossen waren. Die Armee des Kaiserreichs existierte faktisch nicht mehr.

Doch in Paris überstürzten sich die Ereignisse. Am 4. September erklärte die Deputiertenkammer den Kaiser für abgesetzt, proklamierte die Republik und bildete eine «Regierung der nationalen Verteidigung», deren wichtigste Minister Jules Favre und Léon Gambetta waren. Die «guerre à outrance», der Krieg bis zum Äussersten, wurde ausgerufen und neue Armeen aufgestellt.

Der Kampf gegen eine feindliche Armee konnte in einigen Wochen entschieden werden, nicht aber derjenige gegen eine widerständige Nation. Aus dem anfänglichen Bewegungskrieg wurde daher ein langwieriger Stellungskrieg. Seit dem 19. September war der Belagerungsring um Paris geschlossen. Die neu aufgestellten französischen Truppen verwickelten die Besatzungsarmee in einen zähen und blutigen Abnutzungskrieg, der den Kollaps Frankreichs zwar verzögern, aber nicht verhindern konnte. Am 28. Januar 1871 kapitulierte Paris nach einmonatigem Beschuss.

In den ersten Tagen des schneereichen Februars 1871 überschritten knapp 90 000 Mann der Armée de l’Est (Bourbaki-Armee) bei Les Verrières in Neuenburg und im Waadtländer Jura die Grenze, um sich der Gefangennahme durch die deutsche Armee zu entziehen. Als deutsche Migranten in der Zürcher Tonhalle am 9. März 1871 eine Siegesfeier abhielten, wurden sie von internierten Offizieren der Bourbaki-Armee attackiert. Der drei Tage währende «Tonhallekrawall» war gewissermassen die letzte Bataille des Deutsch-Französischen Kriegs, ausgetragen in der neutralen Schweiz.

Dessen ungeachtet musste Frankreich am 10. Mai den «Frankfurter Frieden» unterzeichnen, der nicht nur hohe Reparationszahlungen vorsah, sondern auch die Abtretung Elsass-Lothringens, wodurch die Beziehungen zwischen den Nachbarn dauerhaft vergiftet wurden.

Umfassende Mobilisierung

Dieser Krieg veränderte aber nicht nur die Landkarte Europas und dessen Mächtegleichgewicht; er nahm auch viele Phänomene der «totalen Kriege» des 20. Jahrhunderts voraus. Er war noch kein durchweg industrialisierter Krieg, aber die Produktion von Waffen, Munition, Ausrüstung und haltbaren Lebensmitteln für die Armeen verlangte nach umfassender wirtschaftlicher Mobilisierung. Die Eisenbahn war sowohl für die operative Kriegführung wie als Transportmittel für Güter und Menschen nicht mehr wegzudenken.

Erstmals entstand das, was man im Ersten Weltkrieg als «Heimatfront» bezeichnete. Ein ausgeklügeltes Feldpostwesen sowie Zeitungsberichte, Reportagen und illustrierte Berichte trugen die Kriegserfahrung in jedes Haus. Hunderttausende französischer Kriegsgefangener mussten untergebracht und versorgt werden, wozu erstmals in Europa ein System von Lagern in grossem Massstab errichtet wurde. Die Entwicklung des humanitären Völkerrechts erhielt wichtige Impulse, doch insbesondere von den Zuaven genannten französischen Soldaten aus Nordafrika wurden entmenschlichende, rassistische Stereotype reproduzierende Schreckbilder gezeichnet.

Grimmige Berühmtheit erlangten auch die französischen Freischarenverbände, die Franc-tireurs. Diese waren sehr unterschiedlich in ihrer Ausbildung, Uniformierung und Einbindung in militärische Kommandostrukturen. Sie galten den Deutschen als irreguläre Soldaten, als hinterhältige Mörder, die bei Gefangennahme nicht auf Gnade hoffen durften. Ihr Kampf war zwar lästig für die Besatzer, aber unerheblich für den Ausgang des Kriegs. Doch die Zivilbevölkerung litt doppelt: unter den Repressalien der Besatzer, die unschuldige Zivilisten nicht immer schonten, und auch unter jenen Franc-tireurs, die sich die Unterstützung und Versorgung durch die Bevölkerung notfalls erzwangen.

Die Zeit der zumindest theoretisch kontrollierbaren «Kabinettskriege» war endgültig vorbei, was eigentlich schon durch die Napoleonischen Kriege überdeutlich geworden war. Entsprechend hoch war der Preis des deutschen Sieges: gut 43 000 Soldaten und fast 100 000 Schwerinvalide. Verheerender als das französische Blei waren freilich die Pocken. Allein in Preussen rafften sie rund 125 000 Menschen dahin, auch viele der fast 400 000 französischen Kriegsgefangenen.

Ähnlicher, als man meint

Bismarck aber hatte sein Ziel erreicht: Der gemeinsam geführte Krieg liess den inneren Zwist wenigstens so weit vergessen, dass Deutschlands Einigung unter Preussens Vormacht gelang. In der Folgezeit wurde das Militär, dem vermeintlich das Hauptverdienst an der Reichsgründung zugekommen war, zu einem prägenden gesellschaftlich-politischen Faktor. Die Hoffnung der NZZ vom 1. Februar 1871, das neue Reich könne «für den inneren freiheitlichen Ausbau» von «der schweizerischen Selbstregierung Nutzen» ziehen, erfüllte sich nicht. Und auch Jacob Burckhardt hatte nur leicht übertrieben, als er Ende 1872, von Basel aus nordwärts schauend, voraussagte, dass «die ganze Weltgeschichte von Adam an siegesdeutsch angestrichen» werden würde.

Die französische Politik und Gesellschaft musste demgegenüber eine epochale militärisch-politische Niederlage verarbeiten sowie den Tod von etwa 140 000 Soldaten. Vor allem aber ging der Krieg gegen Preussen-Deutschland durch den mit äusserster Brutalität niedergeschlagenen Aufstand der Pariser «Commune» in einen ideologisch erhitzten Bürgerkrieg über. Insofern war 1871 nicht nur für den ersten deutschen Nationalstaat von zentraler Bedeutung, sondern auch für Frankreich. Mit der innenpolitisch umkämpften Dritten Republik schied Frankreich endgültig aus dem Kreis der europäischen Monarchien aus.

Und so wie Deutschland 1871 gewissermassen an der Wiege der Dritten Republik stand, so stand es 1940 an ihrem Grab. Durch ihren aggressiven Nationalismus waren Deutschland und Frankreich sich ähnlicher und stärker aufeinander bezogen, als sie sich eingestehen wollten.

Umso bedauerlicher ist es, dass das offizielle Gedenken an diesen Krieg in Deutschland bis jetzt blass bleibt. Immerhin ist es ein bemerkenswertes Zeichen der Aussöhnung, dass das alle vier Jahre vorgesehene Treffen von Deutschem Bundestag und Frankreichs Assemblée nationale auf französische Initiative hin das nächste Mal nicht am 22. Januar, dem Jahrestag des Elysée-Vertrags von 1963, sondern am 18. Januar 2021 stattfindet. Im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles war genau 150 Jahre davor Preussens König Wilhelm I. in einem politisch bedeutungslosen, aber als Triumph über den «Erbfeind» inszenierten Mummenschanz zum deutschen Kaiser ausgerufen worden.

1919 wurde dieser Ort ebenso absichtsvoll zum Schauplatz der Demütigung Deutschlands, das hier nach dem Ersten Weltkrieg den Friedensvertrag unterzeichnen musste. Gerade angesichts der populistischen Versuchungen unserer Tage bleibt es nötig, an die enge Verflochtenheit der europäischen Nationen zu erinnern, um die bösen Geister des Nationalismus zu bannen.

Christoph Jahr ist Historiker in Berlin. Im Herbst erscheint von ihm «Blut und Eisen. Wie Preussen Deutschland erzwang, 1864–1871» im Verlag C. H. Beck.

Soldaten im Kriegsgefangenenlager Wahner Heide bei Köln.

Soldaten im Kriegsgefangenenlager Wahner Heide bei Köln.

AKG

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