Switzerland

Aargauerin wanderte nach Südamerika aus: «Ich habe mein Glück in Uruguay gefunden»

Ein Gespräch kann sprichwörtlich Brücken schlagen. Und in diesem Fall ganz besonders: zwischen Herbst und Frühling, zwischen Abend und Morgen – zwischen der Schweiz und Uruguay. Von dort meldet sich Anja Ursprung (26) an ihrem Samstagmorgen per Video-Chat, als es hierzulande schon eindunkelt. Seit drei Jahren lebt die ehemalige Gränicherin über 10'000 Kilometer von ihrem Heimatdorf entfernt.

Angefangen hat alles als Schüleraustausch. «Ich war gerade 18 geworden», erzählt Anja Ursprung. Das war 2012. Ein paar Monate zuvor hatte sie an der Alten Kanti in Aarau von der Möglichkeit eines Austauschjahres gehört. Die Jugendliche packte die Abenteuerlust: «Ich wollte in ein Land, in das sonst niemand geht. Möglichst weit weg», sagt sie heute.

Auf Google Maps gab es das Dorf gar nicht

Während andere in die USA oder nach Kanada flogen, fiel ihre Wahl auf Uruguay. «Was willst du denn da?», hätten einige aus ihrem Umfeld gefragt. Doch die junge Frau liess sich nicht beirren. Auch dann nicht, als sie auf Google Earth nachschauen wollte, wo genau ihre Gastfamilie in der Nähe der Stadt Rivera wohnt und sie nur bis zur Autobahn kam.

«Ich vertraute darauf, dass es gut kommt», sagt die heute 26-Jährige. Belohnt wurde sie nach einem kleinen Kulturschock mit der Zeit ihres Lebens: Sie lernte Spanisch, besuchte das «Liceo» in der Nähe, traf sich nach der Schule fast jeden Abend mit Freunden und war auf traditionellen Rodeo-Festivals, sogenannten Criollas. «Auf dem Land hatte ich viele Freiheiten», sagt sie. Besonders gefiel ihr die fleischlastige Küche und dass ihre Gastfamilie Tiere hatte. Reiten war schon zu Hause auf dem Rütihof, wo ihre Eltern noch heute wohnen, ihre Leidenschaft. «Ich bin eben ein richtiges Landei», sagt Anja Ursprung lachend.

Vor drei Jahren kam der Entscheid

Schliesslich lernte sie bei einer mehrtägigen Schnitzeljagd des ansässigen Fitnesscenters ihren heutigen Freund kennen. Die Beziehung wurde ernst. «Dass ich nach einem Jahr wieder zurück musste, war das Schlimmste, was mir passieren konnte», erzählt die 26-Jährige. Auch ihre Familie merkte, dass sie in Gränichen unglücklich ist. Schon in den Herbstferien verbrachte sie wieder zwei Wochen in Südamerika.

Wieder in der Schweiz setzte sie alles daran, möglichst rasch eine Ausbildung abzuschliessen. «Das war auch im Sinne meiner Eltern», sagt sie. Im Unterricht aber – inzwischen besuchte sie die Wirtschaftsmittelschule – hielt sie es kaum noch aus. Sie brach ab, begann eine KV-Lehre bei Coop, flog in den Ferien jeweils zurück nach Uruguay. Vor drei Jahren dann der Entscheid: Sie will in Südamerika leben.

Mit Geld von Rütihof kaufte sie eine Waschmaschine

«Ich schickte noch während der Abschlussprüfungen die Unterlagen nach Montevideo», erzählt die 26-Jährige. Um noch etwas Geld zu verdienen, jobbte sie ein paar Wochen auf dem Rütihof im Restaurant, bevor sie ihr Hab und Gut in vier Koffer packte und Reissaus nahm. Als erste Amtshandlung in ihrer neuen Heimat kaufte sie sich vom eben verdienten Geld eine Waschmaschine – keine Selbstverständlichkeit in Uruguay.

Diese steht nun neben Wäscheleinen und Palmen draussen auf dem Vorplatz eines einstöckigen Hauses mit Wellblech-Dach in Paysandú. Hier wohnt Anja Ursprung mit ihrem Freund. «Ausserdem leben hier unsere beiden Hunde», erzählt sie. Den einen haben sie beim nahegelegenen Fluss Rio Uruguay abgemagert gefunden und aufgepäppelt.

Sie vertraut darauf, dass es gut kommt

Während sie auf Schweizerdeutsch erzählt, schleicht sich ein «muy» (Spanisch für «sehr») ein. Denken und träumen würde sie inzwischen mehrheitlich in Spanisch. Nächstes Jahr will sie ihre Familie in Gränichen besuchen. Hier leben wolle sie wahrscheinlich nicht mehr. Auch wenn das Leben bequemer wäre. Denn die 26-Jährige arbeitet viel. Im Büro eines Supermarkts und als Deutschlehrerin. Ihr Freund hat kürzlich seine Stelle als Lastwagenfahrer verloren. «Wegen Corona», sagt Anja Ursprung. Insgesamt sei das Land bis jetzt im Gegensatz zu Argentinien und Brasilien aber glimpflich durch die Krise gekommen.

Ihr Freund arbeitet inzwischen in einer anderen Stadt. Im Dezember will Anja Ursprung zu ihm ziehen. Einen genauen Plan, was sie dort machen will, hat sie wie auch vor drei Jahren nicht. «Ich bin überhaupt nicht nervös», sagt sie. Sie vertraut darauf, dass es gut kommt.

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