Switzerland

Aargauer Bergsteigerin (21) auf Expedition in Kirgistan: «Angst gehört zum Klettern dazu»

«Beim Klettern denken immer alle, es sei so wahnsinnig gefährlich. Aber man kann ja auch vom Pferd fallen. Wer beim Klettern stürzt, fällt nur ins Seil», sagt Anne Flechsig über ihr Hobby. Dass manche Leute aufgrund der Höhe Angst vor Stürzen haben, kann die 21-jährige Badenerin dennoch nachvollziehen: «Angst gehört zum Klettern dazu. Das ist auch gut so: Sonst wird man leichtsinnig und sichert sich nicht ab oder klettert an unsicheren Stellen.»

Flechsig klettert, seit sie denken kann. Ihre Eltern, zwei Deutsche, haben sich in einer Klettergruppe kennen gelernt. Weil sie ihr Hobby nicht aufgeben wollten, schleppten sie das Töchterchen zum Klettern mit. Mit vier Jahren hing Anne zum ersten Mal in den Seilen. Doch das Klettern mit den Eltern reichte bald nicht mehr. Flechsig trat einer Jugendorganisation des Schweizer Alpen-Clubs bei, fand dort ähnlich kletterbegeisterte Kollegen und wagte sich an immer spannendere Wände ran. «Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich ganz gut bin.»

Sie bewarb sich erfolgreich für ein Förderprogramm des SAC, welches junge Alpinistinnen ausbildet. Während drei Jahren wurde sie parallel zur Matura an der Kantonsschule in einem Team von weiteren jungen Frauen aus der gesamten Schweiz im Klettern geschult. Das Ziel: Eine selbstgeplante Bergsteig-Expedition. Diese sollte ins Pamir-Aray-Gebirge im Grenzgebiet zwischen Kirgistan und Tadschikistan gehen. Flechsig lacht, als sie erzählt, wie sie und ihre Kolleginnen versuchten, mit Google Earth und Fotos auf russischen Websites Informationen über das Gebirge und das Gelände herauszukriegen.

Erstbesteigung des «Franzosengipfels»

Im September 2019 ging es schliesslich los: Das Team brach nach Kirgistan auf, begleitet von einer Bergführerin, drei kirgisischen Köchen − und einem Dokumentarfilm-Team des Schweizer Fernsehens. Mit einigen Packeseln brachten sie das viele Gepäck zum Min-Teke-Tal, dem «Tal der Tausend Steinböcke», wo sie ihr Basislager aufschlugen. Vier Wochen kein Handyempfang, in Zelten übernachten − es sei «eine ganz andere Welt» gewesen, sagt Anne Flechsig heute.

Sie genoss das einfache Leben dort und die unbeschreibliche Landschaft − zumindest diese konnte die SRF-Doku «Hoch hinaus: Die Kirgistan-Expedition» für Daheimgebliebene gut einfangen. Sie ist noch immer in der SRF-Mediathek einsehbar. In kleineren Teams aufgeteilt ging es für die Kletterinnen dann vom Basislager aus in die Berge. Zum Klettern, dafür waren sie ja hier. Gemeinsam mit ihrer Mitstreiterin Ramona machte sie sich auf zum sogenannten «Franzosengipfel», der knapp 5070 Meter über dem Meer liegt. Zwar vergassen sie beim Aufstieg den Kocher, konnten sich aber durch das Schmelzen von Schnee mit Wasser versorgen. Und so standen sie nach zwei Tagen als die ersten beiden Bergsteigerinnen aus dem Westen auf dem Franzosengipfel.

Es soll nicht ihre letzte Expedition gewesen sein, das weiss die 21-Jährige schon jetzt. Dann aber lieber ohne SRF, gesteht sie: Sie fühle sich nicht so recht wohl vor der Kamera und wäre lieber komplett frei unterwegs und nicht so öffentlich exponiert. Grönland, das sei das nächste Ziel, das sie mit dem gleichen Team anstrebt. Sie denkt schon jetzt an die «grossen Namen» des Kletter-Tourismus, das Yosemite Tal in Kalifornien zum Beispiel.

Im Moment sind jedoch andere Ziele wichtiger: Die Materialwissenschaftsstudentin an der ETH steckt mitten in der Prüfungsphase. Zeit zum Klettern bleibt wenig, dennoch war sie in den vergangenen Wochen im Urnerboden Eisklettern, um nicht aus der Übung zu kommen. Zuhause in Baden leitet sie derweil den Volksschulkurs Sportklettern. Also können auch die Jüngsten von der Kletterexpertise einer vielversprechenden Nachwuchs-Alpinistin profitieren.

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